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Dokument-Nr. 12097

[Kaas, Ludwig]: [Kein Betreff]. [Ohne Ort], vor dem 12. August 1923

Nach den von mir eingezogenen Informationen kann der Leitung des Saarländischen Katholikentages der Vorwurf nicht gemacht werden, dass sie den rein religiösen und katholischen Charakter der Veranstaltung zu politischen Zwecken missbraucht habe. Die ganze Vorbereitung der Tagung, die Feststellung des Programms und die Auswahl der Redner war getragen von dem ernsten Bestreben, dafür zu sorgen, dass der rein religiöse Charakter der Veranstaltung durch keinerlei politische Misstöne gestört würde. Das lokale Komité in Saarbrücken war durch den Herrn Bischof von Trier ausdrücklich darauf hingewiesen <in diesem Sinne instruiert> worden; dass ein Abweichen von dieser Regie seinen Auffassungen in keiner Weise entsprechen würde.1 Der Verlauf des Katholikentages hat sich im allgemeinen durchaus diesem Programm entsprechend gestaltet. Allerdings muss zugegeben werden, dass in einer Reihe von Reden gewisse Ausführungen mitunterlaufen sind, die – ob gewollt oder nicht gewollt, kann dahingestellt bleiben – einen gewissen politischen Einschlag hatten. Die wichtigeren derartigen Reden <Fälle>2 waren folgende:
I. Der Vorsitzende einer Versammlung, Herr Amtsgerichtsrat Lauer, führte u. a. folgendes aus:
"Der göttlichen Vorsehung hat es gefallen, dass wir 15 Jahre lang einer Regierungskommission untergeordnet sind, die vom Völkerbund ihre Macht empfängt, über deutsche Landstriche zu regieren. Trotz aller Bitternisse, die dieser Zustand für uns enthält, erblicken wir in dieser Regierung die uns von Gott gesetzte Obrigkeit nicht aus Zwang, sondern von Gewissens wegen. Die Anerkennung unserer Untertanenpflicht entbindet uns nicht der Pflichten gegen unser teures Vaterland, und blutenden Herzens schauen wir auf das in Todesqual sich windende Deutschland."
II. Stärker als in dieser Rede war der politische Einschlag in einer Ansprache des Herrn Rechtsanwalt Stegmann, bei welcher der hochwürdigste Herr Bischof von Speyer zugegen war. Die in Frage kommenden Stellen lauteten folgendermassen:
"Auch für die Sieger gilt das Heilandsgebot: Liebe deinen Nächsten! Es ist mit den christlichen Grundsätzen unvereinbar, die Schäden des Krieges noch durch Uebermut zu erhöhen. Das im letzten Kriege unterlegene Volk ist arm und trägt bittere Fron. Wir gehören zu diesem Volke und werden das Leid mit ihm tragen… Vom christlichen Standpunkte aus protestieren wir eindringlichst dagegen, dass im 20. Jahrhundert einem Kulturvolke von 700.000 Seelen politische Knebelung angetan wird, dass versucht wird, die Freiheit der Wahrung seines Volkstums zu
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beschneiden. Wir sind gehorsam der Autorität; aber unser Gehorsam ist kein Kadavergehorsam. Was unchristlich ist, bekämpfen wir mit aller Entschiedenheit. Als stahlharte, entschlossene, mutige Männer geloben wir in dieser feierlichen Stunde, dass wir an unseren Grundsäulen, katholischer Glaube und Deutschtum, niemals rütteln lassen."
III. In einer Rede über die Verwirklichung des Friedens Christi im Reiche Christi kam das Mitglied des saarländischen Landesrates, Pfarrer Wilhelm, auf die Schulfrage zu sprechen und sagte in diesem Zusammenhang:
"Wenn auch im Saarland durch den Versailler Vertrag die deutsche konfessionelle Schule garantiert sei, so dürfen wir uns doch keiner Sicherheit hingeben. Im öffentlichen Leben könne und dürfe man sich niemals auf das Wohlwollen und die Güte der anderen verlassen. Wenn es sich um unsere Rechte im öffentlichen Leben handelt, dann können wir einzig und allein vertrauen neben Gottes Beistand nur auf unsere eigene Kraft und unsere eigene Stärke."
IV. In einer Jugendversammlung sprach der Vorsitzende, Gewerkschaftssekretär Kiefer, über die Pflicht der katholischen Jugend, Streiter und Bannerträger des Katholizismus zu sein. In dieser Rede kam der Ausdruck "Deutschland geht uns über alles" vor. In derselben Versammlung sprach der Generalsekretär Nattermann über dasselbe Thema und zitierte dort das Dichterwort: "Ans Vaterland, ans teure, schliess' dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen."
Die im Vorstehenden mitgeteilten Ausführungen sind das spärliche Ergebnis einer genauen Nachprüfung der auf dem Katholikentag gehaltenen Reden. Ausser ihnen kann als Gegenstand der französischen Kritiken nur <noch>3 das oftmals wiederholte Treuebekenntnis zu den Heimatdiözesen Trier und Speyer gerechnet werden <in Betracht kommen>4, das in den verschiedensten Versammlungen von den verschiedenen <mehreren>5 Rednern wiederholt wurde. Man wird nicht zugeben können, dass In den angegebenen Ausführungen <kann> ein wesentlicher Verstoss gegen den rein religiösen Charakter des Katholikentages <kaum> gefunden werden kann.6 Vom rein katholischen Standpunkte aus mag es theoretisch erwünsch sein, <wäre es wohl korrekter, jedenfalls klüger gewesen,>7 dass die Redner auch auf diese Ausführungen verzichtet hätten; wenn man aber das gesamte
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politische Milieu des Saargebietes und die Psyche seiner Einwohner in Rechnung zieht, so wird man das, was man theoretisch als erwünscht bezeichnen könnte, als psychologisch unmöglich ansehen müssen. Es ist zweifellos <Jedenfalls ist es> ein <erfreuliches>8 Zeichen der von der Leitung des Katholikentages allen Rednern eingeschärften Selbstdisziplin, dass keine stärkeren "Entgleisungen" nach der politischen Seite stattgefunden haben.
Ausser den oben angegebenen Reden haben einige der von dem Katholikentag gefassten Resolutionen die kritische Aufmerksamkeit französischer Kreise auf sich gezogen, darunter vor allem eine Resolution, die die Treue zu den Heimatdiözesen Trier und Speyer ausspricht, dabei aber ausdrücklich die endgültige Entscheidung dem heiligen Stuhl reserviert. Zweitens eine Entschliessung, die die konfessionelle Schule fordert und drittens eine Resolution, die für den Völkerfrieden im Sinne der päpstlichen Maxime: Pax Christi in Regno Christi eintritt.9
Wie wenig <Dass> ruhig denkende und vor allem katholischgläubige Franzosen durch die Kundgebung der saarländischen Katholiken sich in ihren Gefühlen <nicht> verletzt fühlten <konnten>10, beweist ein Artikel der "Lothringer Volksstimme", der ausdrücklich sagt: "Man kann nicht, wie es geschehen ist, diese grosse Tagung der saarländischen Katholiken ohne weiteres als antifranzösische Kundgebung auffassen. Gewiss fiel hier und da ein Wort, das vielleicht klüger hätte gefasst werden können; aber schliesslich muss man sich vergegenwärtigen, dass es sich um eine Versammlung deutscher Katholiken handelt, die zum deutschen Reiche und zu ihrer Religion halten. Dieselbe "Lothringer Volksstimme" veröffentlicht eine Zuschrift eines lothringischen Geistlichen über den saarländischen Katholikentag, die mit rühmenswerter Objektivität zu demselben Stellung nimmt. Er <Der genannte Geistliche>11 wehrt sich mit beachtenswerter Schärfe dagegen, dass man aus dem Saarbrücker Katholikentag eine antifranzösische Demonstration macht und schreibt:
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"Wie sehr die Kriegsstimmung und der Völkerhass uns noch beherrschten, zeigt sich aus der Schwierigkeit, die wir empfinden, die Ereignisse im Nachbarlande richtig und gerecht zu beurteilen. So war z. B. am letzten Sonntag in Saarbrücken ein grosser Katholikentag, über dessen Verlauf und Erfolg auch ein lothringischer und französischer Katholik sich freuen könnte und sollte, wenn nicht die "Politik" da wäre, um alles zu verdrehen und zu vergiften. Aus einer grossen Manifestation katholischen Lebens, über die wir uns brüderlich freuen können, wollen wir 12 mehr patriotisch als klug und katholisch gesinnte Leute eine franzosenfeindliche Manifestation machen. Das will man dadurch beweisen, dass die Schlussresolutionen der verschiedenen Versammlungen alle sich gegen französische Gedanken oder wenigstens gegen geheime Wünsche der Franzosen richten sollen:
1. Die saarländischen Katholiken wollen nicht von dem Bischofssitz Trier getrennt werden; 2. sie wollen Deutsche bleiben; 3. sie wünschen, dass die deutschen Schulen nicht zugunsten der französischen Schulen im Saarland verlassen werden.
Wollen wir diese drei Resolutionen ruhig und unparteiisch ins Auge fassen, so müssen wir eingestehen, dass die saarländischen Katholiken am Sonntag nur das getan haben, was ihre Pflicht ist, oder wir müssen den Satz streichen, dass, was dem einen billig, dem anderen auch recht ist."
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Er <Der Geistliche>13 weist dann im einzelnen nach, dass alle drei Resolutionen durchaus berechtigt sind. Bezüglich der Saardiözese erklärt er ausdrücklich 14:
"Unsere Liebe zu Frankreich, wie unsere Treue zur Kirche verbieten uns, zu wünschen, dass solch ein gefahrvolles Experiment (Bildung einer besonderen Saardiözese) angestellt werde."
Bemerkenswert ist sein Urteil betreffs der französischen Schule. Hierzu schreibt er:
"Was die dritte Resolution betrifft, die französische Schule soviel wie möglich fernzuhalten, darin kann ich den Katholiken des Saarlandes nur aus ganzer Seele beistimmen.
Wir Katholiken Lothringens und des Elsasses können begreifen, dass die französische Schule, die überall im Auslande als ausgesprochene Laienschule gilt, bei dem gläubigen Teil der Saarbevölkerung mit Misstrauen betrachtet wird…
Ueberall, wo die Katholiken des Saarlandes auftreten werden, um ihre konfessionelle Volksschule zu verteidigen, können sie der Zustimmung aller Katholiken Lothringens und Frankreichs sicher sein.
Aus diesen objektiven Aeusserungen eines französischen Geistlichen lässt sich unschwer erkennen, wie wenig berechtigt die von anderer Seite erhobenen Vorwürfe sind.
Zum Schluss muss hervorgehoben werden, dass keiner der anwesenden Bischöfe irgendeine Aeusserung getan hat, die über den Rahmen des Reinreligiösen hinausgegangen ist. Wenn in mehreren Versammlungen der Bischof von Trier ausdrücklich erklärt hat, dass er dem Saarland die Treue halten werde und auch von den Saarländern das treue Festhalten an der Mutterdiözese erwarte,15 so hatte 16 er damit nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der unter den gegenwärtigen Umständen eine Selbstverständlichkeit ist. Dass damit nicht beabsichtigt war, irgendeine Pression auf die letzte Entscheidung des heiligen Stuhles auszuüben, geht schon daraus hervor, dass die offizielle Resolution über diese Frage das letzte Entscheidungsrecht des heiligen Vaters ausdrücklich wahrt und ihm vertrauensvoll die Lösung der Frage überlässt.
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Man mag der Meinung sein, dass in Anbetracht der erregten Stimmung der Bevölkerung es vielleicht besser gewesen wäre, wenn der Bischof von Trier jede Anspielung auf diese z. Z. noch schwebende und vom heiligen Stuhl noch nicht in Angriff genommene Frage vermieden hätte. Ihm aber daraus einen Vorwurf zu machen, erscheint nicht angängig.
1Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
2Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
3Hds. eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
4Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
5Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
6Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
7Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
8Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
9"Ausser den […] eintritt" hds. am linken Seitenrand von unbekannter Hand angestrichen.
10Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
11Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
12Hds. gestrichen von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
13Hds. gestrichen und eingefügt von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
14Hds. gestrichen von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
15"Zum Schluss […] erwarte" hds. am linken Seitenrand von unbekannter Hand angestrichen.
16Hds. gestrichen von unbekannter Hand, vermutlich vom Verfasser.
Empfohlene Zitierweise:
[Kaas, Ludwig], [Kein Betreff], [Ohne Ort] vom vor dem 12. August 1923 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 12097, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/12097. Letzter Zugriff am: 14.11.2019.
Online seit 24.10.2013