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Dokument-Nr. 12423

L'Opera Pontificia di Soccorso per i bambini affamati in Russia. Vatikanstadt, 1922

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[Rundemblem: Ikone der gekrönten Maria mit Kind, Umschrift und Unterschrift in kyrillischen Schriftzeichen ]

Das Päpstliche Hilfswerk
Für die
Hungernden Kinder Russlands

Papstwappen
Rom
Vatikanische Polyglotte Druckerei
1922
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[Foto Pius‘ XI.]
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Omnibus qui has paginas, rerum tristissimarum nuntias, volvendo permoti ad miserationem tam immensae parvulorum multitudinis quae fame tabescit, opem ei, pro sua quisque facultate, laturi sunt, grato Nos animo iam nunc benedicimus, atque a Deo enixe precamur - quod certo futurum est - ut eorum beneficentiam largissime sua gratia remuneretur.
Ex Aedibus Vaticanis die 25 m.  Julii
a. 1922
Pius PP. XI

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Allen, die beim Lesen dieser Blätter, die so Trauriges berichten, Mitleid empfinden mit den zahllosen Kindern, welche durch Hunger zu Grunde gehen, und ihnen nach Kräften zu Hülfe kommen, erteilen Wir schon jetzt dankbaren Herzens Unseren Segen und erflehen inständigst von Gott, dass Er - was sicher geschehen wird – ihre Freigebigkeit reichlichst durch Seine Gnade vergelten möge.
Aus dem Vatican, den 25. Juli 1922.
Pius PP. XI.

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Das Päpstliche Hilfswerk
für die
hungernden Kinder Russlands
Die Stimme des Heiligen Vaters Benedikt XV.
"Wir haben eine der entsetzlichsten Katastrophen der Weltgeschichte vor uns. Ganze Massen verelendeter Menschen, von Hunger gepeinigt, von Typhus und Cholera dezimiert, irren verzweifelt in einem ausgedörrten Lande umher und streben den Bevölkerungszentren zu, wo sie Brot zu finden hoffen, aber mit Waffengewalt zurückgetrieben werden. Vom Becken der Wolga aus flehen viele Millionen angesichts des entsetzlichsten Todes um die Hülfe der Menschheit".
Das furchtbare Bild von Elend und Hunger, das Benedikt XV. gesegneten Andenkens mit diesen Worten unter dem 5. August 1921 in seinem Briefe an Kardinal Gasparri in kurzen Zügen entwarf, hat zwar für die Wolgagegend inzwischen eine leichte Besserung erfahren, gilt aber noch unverändert, ja mit einer Steigerung seiner düsteren Farben, für die anderen unermesslichen Gebiete von Süd-Russland.

Die Geissel des Hungers.
Der Hunger wütet weiter im ganzen Süden Russlands. In diesen ausgedehnten Gebieten, die einst die fruchtbarsten des Erdkreises waren, ist der Boden ausgedörrt und im Zustande trostlosester Verwahrlosung. Nachdem die letzten Vorräte aufgezehrt und alles verkauft war, um Brot zu beschaffen, haben Hunderttausende von Bauern ihre Heimat fluchtähnlich verlassen, um bessere Gegenden zu suchen. Einer der schlimmsten Züge im Gesamtbilde der Lage ist
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die ausserordentlich grosse Zahl von Kindern, die verwaist und von ihren flüchtenden Eltern im Stiche gelassen sind.
Ekelhafte Tiere, die Insekten, welche den schrecklichen Flecktyphus übertragen, wimmeln in den zerlumpten Kleidern der armen Überlebenden, die infolge völligen Fehlens von Seife nie gewaschen werden.
Der Mangel an Arbeitskräften, die Schwierigkeit der Saatbeschaffung, die schlechten Verkehrsverhältnisse, die
[Foto: 5 Kinder. Unterschrift: ... sie sind so geschwächt, dass sie sich nicht mehr aufrecht halten können ...]
Dürre und verschiedene andere Ursachen haben die Hungersnot bewirkt, die nun die armen Menschen zwingt, sich von allem zu nähren, was in ihre Hände fällt. Im Herbst assen sie Gras, Baumrinde, Raupen und Würmer; jetzt ist ihre tägliche Nahrung das Stroh von den Dächern und an einigen Orten sogar – nur mit Schaudern sagt man es – menschliche Leichen.

Die kleinen Märtyrer des Hungers.
Man bedenke, welche organischen Störungen eine derartige Ernährung vor allem bei Kindern bewirken muss. Die Photographien dieser elenden Überbleibsel von Menschen zeigen uns zu Gerippen abgemagerte Körper mit unförmlichen Unterleibern, aufgedunsen durch die Gase, die durch den verzehrten Schmutz entstanden sind. Während der Körper völlig entkräftet ist, bewahrt der Geist noch lange
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seine Klarheit, die sich in den Augen äussert, welche angstvoll um Hülfe in den schrecklichen Leiden flehen.
Und die heldenmütige Liebe der Mütter muss ohnmächtig das allmähliche Hinsiechen ihrer Kinder ansehen, ohne wirksame Hilfe leisten zu können.
Eine russische Zeitung erzählt, wie eine arme Frau der Baschkurei (Wolga), fast wahnsinnig vor Hunger und Ver-

[Foto zweier Kinder. Unterschrift: ... zu Gerippen abgemagerte Körper mit unförmlichen aufgedunsenen Unterleibern ..]

zweifelung ihr Söhnchen in den Fluss geworfen hatte und nun im Begriffe stand, auch den Jüngsten, ein Kind von vier Jahren, hineinzuwerfen.
Aber das Kind fühlte instinktiv die Schrecken des nahen Todes und schrie: "Mutter, Mutter, lass mich, ich will auch nie wieder sagen, dass ich Hunger habe".
So vom Hunger geschwächt, werden die Kinder die leichte Beute von allen Krankheiten, so des Ödem, einer spezifischen Krankheit der Extremitäten, die den Brand und den Tod im Gefolge hat.
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Aber der grösste Teil stirbt an Erschöpfung: zuerst magert das Kind ab, der Leib dagegen schwillt an, dann kommt es zu einem solchen Grad von Schwäche, dass es sich nicht mehr auf den Füssen halten und nichts mehr verdauen kann, und trotzdem man dem unglücklichen Geschöpf mit Speisen und Medizin zu Hilfe kommt, stirbt es unter krampfartigen Schmerzen in den Eingeweiden.

[Foto: sterbendes Kind. Unterschrift: ... die unglücklichen Kinder sterben unter Krämpfen ...]

Die armen Kleinen hauchen so zu Zehntausenden ihr Leben aus, und Süd-Russland wird allmählich ein ungeheurer Friedhof. Beim Auftauen eines Nebenflusses der Wolga fand man an einer Stelle, wo der Fluss eine starke Kurve beschreibt, ungefähr 10.000 Leichen aufgehäuft, die der Strom aus verschiedenen Gegenden angeschwemmt hatte.
Der Tod überrascht oft die Hungernden, Erwachsene und Kinder, auf der Strasse, und das Schauspiel ist so gewöhnlich, dass die Vorbeigehenden es nicht einmal beachten. Die Leichen, an denen oft die Hunde gefressen haben, werden in ein Massengrab gebracht, zusammen mit vielen anderen, die in den Häusern aufgelesen wurden.
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In den Krankenhäusern ist neben dem Mangel an Medizin auch Mangel an Platz. Nicht selten muss ein Kind die Nacht – die dunkle Nacht, die auch die gesunden Kinder schreckt – neben seinem toten Bettgefährten zubringen.
Das ist in einem schnellen Blick das Bild des Hungers, die brutale Wirklichkeit einer Katastrophe, die keine auch noch so lebhafte Schilderung wahrheitsgetreu beschreiben könnte. Frauen und Kinder, einst voll von Lebenskraft
[Foto: Tote auf der Strasse. Unterschrift: ... die Vorbeigehenden beachten die Toten auf den Strassen nicht mehr ...]
und Frohsinn, Männer von jener Phantasie und Begeisterung, die das Charakteristische und die Stärke des russischen Volkes waren, werden vom Hunger weggerafft und durch die entsetzlichsten Krankheiten dezimiert.

Das Werk des Heiligen Vaters Pius‘ XI.
Pius XI., Erbe des Geistes seines Vorgängers und nicht weniger tief gerührt von dem schrecklichen Anblick eines ganzen Volkes, das dem Tode geweiht ist, erneuert heute von der Höhe des Apostolischen Thrones aus seinen Aufruf voll Mitleid; sich an die Bischöfe der katholischen Welt wendend und an alle christlichen Völker, ruft er alle Kräfte und alle Hilfsquellen der christlichen Barmherzigkeit zu gemeinsamem Vorgehen auf. Um dieses noch wirksamer zu gestalten, hat er kürzlich einige fromme und hochherzige
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Personen beauftragt, sich an die Orte des Schmerzes zu begeben, um die Gaben der Bruderliebe in direkter und sicherer Weise, mit der Eile, die von der Not gefordert ist,

[Foto: sterbendes Kind. Unterschrift: ... Der Tod überrascht oft die Hungernden auf der Strasse ...]

und mit jener Liebe, die vom Erlöser der Welt inspiriert ist, an die armen Hungernden zu verteilen.
Die Abgesandten des Heiligen Stuhles, anvertraut dem himmlischen Schutze der Jungfrau von der Immerwährenden Hilfe, werden ihren Auftrag ohne politische oder konfessionelle Voreingenommenheit ausführen. Einzig und allein die Grösse der Not wird für sie massgebend sein, ihre besondere Sorge aber werden sie den unschuldigen Kindern wid-
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men, deren schwache Konstitution am meisten unter dem schrecklichen Hunger und den furchtbaren Krankheiten leidet.

[Foto: 5 Kinder. Unterschrift: ... Kinder, die von ihren flüchtenden Eltern im Stiche gelassen wurden ...]

Oder haben nicht die Unschuldigen dass [sic] erste Recht auf Barmherzigkeit und Hilfe?
Wie kann ein menschliches und christliches Herz dem Angstschrei widerstehen, der von den Kindern Russlands ausgeht?
Wer wird seinen Beitrag dem Päpstlichen Hilfswerk verweigern? Wer wird nicht diese armen Wesen retten wollen, die ohne Haus sind, ohne Eltern, die dazu verurteilt sind, aus Mangel an Speise in den Strassen der Städte oder in den öden Ackerfurchen auf dem Lande zu sterben?
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25 M reichen aus, um ein Kind 1 Tag zu unterhalten; mit 1.000 M ist der Unterhalt des Kindes für 1 Monat gesichert und es selbst vielleicht vor dem Hungertode gerettet.
Wer fühlt nicht Mitleid mit den unschuldigen Kleinen, die vor Hunger umkommen? Wessen Herz ist so hart, dass er nicht auf irgend ein Vergnügen, ein Fest, eine Lustbarkeit usw. verzichten möchte, um ein Kind vom Tode zu retten?
Welches Kind ist nicht bereit, auf ein Spielzeug zu verzichten, wenn es dadurch ein Brüderchen oder Schwesterchen im fernen Russland retten kann?

Die Gaben sind entweder direkt an
Se. Heiligkeit Papst Pius XI.
Vaticano ROMA
oder an den zuständigen Hochwürdigsten Herrn Bischof zu senden.
Empfohlene Zitierweise:
Anlage vom 1922 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 12423, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/12423. Letzter Zugriff am: 22.09.2019.
Online seit 31.07.2013, letzte Änderung am 10.09.2018