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Dokument-Nr. 13199

Boelitz, Otto: Denkschrift des Preussischen Kultusministers über die kulturellen Folgen der Rhein- und Ruhrbesetzung durch die Franzosen und Belgier. 1923.. [Berlin], April 1923

Zu A III 7088,1.
Aus dem von dem Kardinal-Erzbischof von Köln und den Bischöfen von Münster und Paderborn unter dem 3. März d. Js. aus Paderborn erlassenen Notschrei an den Heiligen Vater und die Katholiken der ganzen Welt ist zur Genüge bekannt, welche furchtbaren Leiden der völkerrechtswidrige Einbruch der Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet über die zumeist katholische Bevölkerung dieses Gebiets gebracht hat. Die Folgen, welche das brutale Auftreten der feindlichen Truppen in den neu besetzten Landesteilen auch auf kulturellem Gebiete zeitigen muss, sind in der Tat so schwerwiegende, dass auch die Römische Kurie daran nicht achtlos vorübergehen kann. Der Heilige Vater hat auch bereits dankenswerterweise seine grosse Teilnahme durch reiche Spenden für die notleidende Bevölkerung und durch Absendung eines besonderen Delegaten in das neu besetzte Gebiet bestätigt. Dieser wird zweifellos reichhaltiges Material über das Auftreten der Franzosen und dessen Folgen auf den verschiedensten Gebieten, namentlich auch auf kirchlichem, gesammelt haben. Trotzdem erscheint es nützlich, die Schädigungen, welche die Gewalttat der Franzosen speziell für die von dem Preussischen Kultusministerium zu vertretenden Interessen herbeigeführt hat und noch weiter herbeiführen wird, kurz zusammenzufassen.
I. Sowohl in dem altbesetzten Teile der Rheinprovinz wie in dem neuen Einbruchsbezirk ist die Zahl der früher für militärische Zwecke von Deutschland benutzten Kasernen im Verhältnis zu der gewaltigen, von Franzosen und Belgiern aufgebotenen Truppenmacht sehr gering. Deshalb haben im altbesetzten Rheinland die Franzosen in grossem Umfange den Neubau von Kasernen, die Neuanlegung von Schiessplätzen, Flugplätzen und sonstige, fruchtbares Land der landwirtschaftlichen Nutzung entziehende rein militärische Einrichtungen verlangt. In dem neubesetzten Ruhrgebiet sind die Befehlshaber mangels ausreichender Kasernen gezwungen, zunächst die vorhandenen öffentlichen Gebäude für die Unterbringung ihrer Truppen in Anspruch zu nehmen, da sie deren Verteilung in Bürgerquartiere aus begreiflichen Gründen scheuen. Die Folge davon ist, dass gerade die Schulgbäude in sehr erheblichem Masse von den Eindringlingen für die Unterbringung von Truppen benutzt worden sind.
Wie sehr das Schulwesen und die Jugenderziehung von dem Einbruch der Franzosen in Mitleidenschaft gezogen wird, beleuchtet schon die Tatsache, dass der von verschiedenen Fraktionen u. a. der Zentrumsfraktion unter dem 27. Januar d. Js. eingebrachte Antrag Schreiber und Genossen am 31. Januar von dem gesamten Reichstag einstimmig angenommen ist, ein seit Bestehen der deutschen Republik nur sehr seltenes Schauspiel. In diesem Antrage nimmt der Reichstag mit Bedauern und Entrüstung davon Kenntnis, dass infolge der gewaltsamen Besetzung des Ruhrgebiets eine Schliessung von Schulen und eine Beeinträchtigung des Schulbetriebs statthat, er beklagt die Schädigung des Unterrichts, die eine schwere Einbusse an kulturellen und erzieherischen Werten bedeutet, und wendet sich zugleich gegen die Besetzung von Jugendheimen, die einen Eingriff in die Jugendfürsorge darstelle.
Zur Erläuterung mag hier nur hervorgehoben werden, dass Ende Februar im Regierungsbezirk Münster 31 Volksschulen mit 226 Klassen und rund 14.000 Schülern, im Regierungsbezirk Arnsberg 35 Volksschulen mit 138 Klassen und etwa 10.000 Schülern und in der Stadt Düsseldorf allein zur gleichen Zeit infolge des Druchmarsches der französischen Truppen neben den schon im vorigen Winter in Anspruch genommenen Schulräumen noch 327 Klassenräume beschlagnahmt waren. Anfang März konnten in der Stadt Recklinghausen nur rund 900 Schulkinder, d. h. 19% der Gesamtzahl, in ihren Schulräumen unterrichtet werden, während für 3.710 Kinder, also 81% der Gesamtzahl, anderweit notdürftig gesorgt werden musste. Anfang des Monats April waren an höheren Lehranstalten im Ruhrgebiet an 23 Orten 31 Anstalten von der Besetzung betroffen. 17 Schulgebäude waren ganz in Anspruch genommen, in den übrigen waren
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zusammen 51 Klassenräume von der Besatzung belegt. An Volksschulen waren zur gleichen Zeit an 53 Orten 159 Schulen von der Beschlagnahme betroffen. Davon waren 23 vollständig belegt, während in den übrigen 1.161 Schulräume für Zwecke der Besatzung in Anspruch genommen waren. Wenn sich auch die Leiter und Lehrer sowohl der höheren wie der Volksschulen in hochanerkennenswerter Weise bemühten und noch bemühen, für den Unterricht der aus ihren Schulräumen vertriebenen Schulkinder zu sorgen, so ist doch der zeitlich beschränkte Unterricht in fremden, vielfach zu engen Schulräumen oft nur des Nachmittags, nur ein dürftiger Notbehelf. Dazu kommt, dass sich die Schulgebäude beim Abzug der Truppen in einem Zustand zu befinden pflegen, der ihre sofortige Wiederbenutzung für den Unterricht verhindert. Ein Teil der Bänke ist zerschlagen, die Lehrmittel sind geraubt oder beschädigt, die Aborte sind in einem unbeschreiblichem Grade verschmutzt. Es dauert mehrere Tage ehe der Unterricht wieder aufgenommen werden kann.
II. Ausser durch die Inanspruchnahme der Schulräume wird aber neuerdings und zwar mehr noch im altbesetzten Rheinland als in Westfalen der Unterrichtsbetrieb dadurch aufs empfindlichste geschädigt, ja an einzelnen Orten geradezu unmöglich gemacht, dass in immer wachsendem Masse Leiter und Lehrer an höheren und Volksschulen aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen werden. Augenblicklich sind, soweit zuverlässige Nachrichten aus dem besetzten Gebiet vorliegen, 5 kathol. Direktoren, 41 Oberlehrer, darunter 2 kathol. Religionslehrer, 3 Oberlehrerinnen, 6 Schulaufsichtsbeamte, 3 Seminardirektoren, 28 Volksschullehrer, 1 Mittelschullehrer und 5 Volksschullehrerinnnen ausgewiesen. Bei keinem der Ausgewiesenen liegt ein irgendwie stichhaltiger Grund für diese harte Massregel vor. In vielen Fällen hat es genügt, dass ohne Zutun des Lehrers Schulkinder bei irgendeiner Gelegenheit, z. B. auf einem Spaziergang, die deutsche Nationalhymne gesungen haben, oder dass ein Lehrer sich geweigert hat, feindliche, seine eigene Regierung herunterreissende Propagandaplakate in den Schulräumen ankleben zu lassen. In manchen Fällen sind Lehrer ausgewiesen, ja vielfach zuvor bedroht und misshandelt worden, weil sie Schulkinder warnten, sich an französischen Truppenküchen heranzudrängen und sie gemahnt hatten, sich von der Berührung mit fremden Truppen fernzuhalten. Wie sehr sie dazu berechtigt waren, vor näherem Verkehr mit den französischen Soldaten zu warnen, wird durch verschiedene Fälle, in denen die Soldaten halbwüchsigen Mädchen nachgestellt oder Knaben in unzüchtiger Weise missbraucht haben, zur Genüge bewiesen.
III. Die Entziehung und Erschwerung regelmäßigen Schulbesuchs macht sich naturgemäss besonders bei den Kindern der arbeitenden Bevölkerung in bedenklichster Weise geltend. Die Kinder, deren Väter, ja vielfach auch Mütter, den ganzen Tag über einer erwerbenden Beschäftigung nachgehen müssen, erhalten in der Schule nicht nur Unterweisung in nützlichen Kenntnissen, besonders auch den nötigen Religionsunterricht, sondern zugleich die für jeden heranwachsenden Menschen notwendige Erziehung. An sich ist in jeder Grossstadt eine sich unbeaufsichtigt auf den Strassen herumtreibende Jugend der Gefahr der Verwilderung ausgesetzt. Die Gefahr wächst, wenn die Kinder aus den Erzählungen der Erwachsenen erfahren, ja stellenweise selbst sehen oder hören, in welche brutaler, jeder Gesittung und jedes menschlichen Mitgefühls baren Weise die fremde Soldateska, an vielen Stellen leider sogar unter Anführung ihrer Offiziere, gegen eine friedliche Bevölkerung vorgeht. Es gehört nicht zu meinem Amtsbereich, die zahlreichen Fälle grundloser Erschiessungen friedlicher Bürger, grober Misshandlungen und unmenschlicher Quälereien, die einzelne von den Besatzungstruppen Verhaftete ausgesetzt gewesen sind, hier zusammenzustellen. Das unglaublich rohe Vorgehen der Franzosen bei der Besetzung und Räumung des Bahnhofs Wanne am 8. Februar d. Js., die grausamen Misshandlungen, denen die friedliche Bevölkerung der Stadt Recklinghausen am 7. Februar d. Js. ohne Unterschied von Alter und Geschlecht ausgesetzt waren, die geradezu viehische Misshandlung der unschuldigen dortigen Poizeibeamten, deren Verletzungen in den Zeitungen mehrfach photographiert sind, die am gleichen Abend mit Reitpeitsche, Kolben und Revolver hebeigeführte Räumung des dortigen, überwiegend an dem Abend von Frauen besuchten Theaters ist durch die Presse genügend bekannt geworden. Vielfach geben die Schilderungen der Zeitungen aller-
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dings noch kein genügend Bild, in welch viehischer Weise die Franzosen in Recklinghausen an jenem Abend gehaust haben. In Trier haben am 26. Januar die mit Säbeln auf friedliche Stassenpassanten einhauenden französischen berittenen Spahis selbst 2 katholische Geistliche nicht verschont. An die durch nichts zu entschuldigende Ermordung der 11 unschuldigen Leute aus Anlass des Raubversuches in der Kruppschen Automobilhalle am Karsonnabend sei hier nur erinnert.
IV. Welchen furchtbaren Misshandlungen auch unschuldige Schüler und Lehrer im besetzten Gebiet ausgesetzt sind, mag an nur wenigen Beispielen illustiert werden.
In Bochum hatten sich am 22. Februar d. Js. 2 verdächtig aussehenede Burschen an die französische Soldatenküche herangedrängt, wahrscheinlich um sich zu Spionagezwecken anzubieten. Zwei Schüler der Oberrealschule machten deutsche Polizeibeamte hierauf aufmerksam. Die beiden Leute wurden auf das Polizeipräsidium geführt, aber nach Feststellung ihrer Personalien wieder entlassen. Keiner der Schüler hat sie auch nur angerührt. An dem gleichen Nachmittag wurden die Primaner der Oberrealschule beim Erscheinen in der Schule von französischen Offizieren und Soldaten empfangen. Es wurde ihnen eröffnet, sie hätten zwei Schützlinge der Franzosen der Polizei verraten, dafür müssten sie mit Arrest büssen. Darauf wurden sechs von ihnen die Treppe hinabgestoßen und auf dem Hofe von den französischen Mannschaften mit Kolben, Stöcken, Reitpeitschen usw. derart misshandelt, dass sie zu Boden stürzten. Dann wurden die Knaben in das Pissoir und schließlich in einen dunklen Keller neben der Heizung geworfen. Dort erschien nach einiger Zeit ein französischer Militärarzt mit 3 Sanitätssoldaten und verband die Verwundeten. Wiederholt wurden sie in diesem Raum noch von französischen Soldaten bedroht, beschimpft und bespuckt. Erst am nächsten Mittag gegen 11 1/2 Uhr erhielten sie etwas zu essen. Auch die übrigen acht Schüler, von denen 6 weniger geschlagen waren, wurden in denselben Raum eingesperrt. Am Samstag Morgen wurden die geringer Verletzten entlassen. Die schwerer Verwundeten wurden am Nachmittag um 3 unter grossen Vorsichtsmassregeln zunächst in eine Villa überführt, damit ihre Wunden einigermassen verheilten. Erst am Montag Nachmittag wurden sie entlassen, nachdem man ihnen eingeschärft hatte, sich auf den Strassen nicht sehen zu lassen und vor allen Dingen sich nich photographieren zu lassen, da sie sonst vor ein Kriegsgericht gestellt würden. Und das geschah mitten im Frieden an 14 unschuldigen Schülern!
Am 9. Februar d. Js. verliessen gegen 30 Seminaristen nachmittags um 5 Uhr das Seminar zu Recklinghausen. Ohne jeden Grund und ohne jede vorherige Aufforderung wurden sie von französischen und belgischen Soldaten mit Peitschenhieben und Kolbenstössen auseinandergetrieben. Verschiedene trugen erhebliche Kopfverletzungen davon.
Am Dienstag den 30. Januar wollte in Düsseldorf ein Oberlehrer auf dem Heimweg die Elektrische Bahn besteigen. Drei französische Schüler versperrten ihm den Eingang. Seiner Aufforderung, Platz zu machen, kamen sie nur widerwillig und zögernd nach. Einer der Jungen grinste den Lehrer an und schimpfte "boche". Der Lehrer gab ihm drei leichte Schläge auf den Mund. Darauf liess ihn der Knabe von einem später einsteigenden französischen Unteroffizier verhaften. Der Oberlehrer wurde dann zur Hauptwache gebracht. Nach einiger Zeit erschien dort der Vater des Jungen und ein französischer Leutnant, die den Lehrer mit Reitpeitschenhieben und Faustschlägen misshandelten, bis er zusammenbrach. Von dort wurde er ins Gefängnis gebracht und erst nach zwei Tagen entlassen.
Zwei Lehrer aus Schonnebeck, deren ganzes Vergehen darin bestand, ein an einer Wand hängendes französisches Schild umgedreht zu haben, wurden auf die Wache gebracht, mussten dort 15 Stunden stillstehen, ihre Bedürfnisse an der Stelle, wo sie standen, verrichten, wurden dann in das Bredenauer Polizeigefägnis gebracht, bekamen achtundvierzig Stunden lang nichts zu essen, noch zu trinken und wurden schliesslich zu 10 Tagen Gefängnis und 100.000 M Geldstrafe verurteilt.
Es ist klar, dass, wenn die Schüler von solchen Vorkommnissen und vielen noch schlimmeren Ausschreitungen der feindlichen Truppen hören,
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es für die Lehrer zu einer unmöglichen Aufgabe wird, sie im Sinne des Art. 148 der deutschen Reichsverfassung im Geiste der Völkerversöhnung zu erziehen. Auch der Religionsunterricht, der, wie bekannt, in Preussen hauptsächlich in der Schule und nur ergänzend als Beicht- und Kommunionunterricht von kirchlichen Organen erteilt wird, gestaltet sich sehr schwierig. Sehr eindrucksvoll wird von dem Jesuitenpater Muckermann in der führenden katholischen Zeitung des Münsterlandes lebhaft Klage über den Schaden erhoben, der dem Ansehen des katholischen Bekenntnisses durch das Benehmen der Söhne "der ältesten Tochter der Kirche" zugefügt werde. "Die deutschen Geistlichen des Einbruchsgebiets", schreibt der Pater, "ermahnten ihre Diözesane zu täglichem Gebet, dass der Herr und Heiland, der Urheber des Friedens die Völker zurückführe zur Bruderliebe, Gerechtigkeit und zu gegenseitigem Wohlwollen. Wie sollten solche Mahnungen aber Erfolg haben gegenüber den Taten der angeblich doch auch katholischen Franzosen und wie sollten die Kinder Zutrauen gewinnen zu den Lehren ihrer Geistlichen und Lehrer, wenn die die Grundsätze des Christentums und der Nächstenliebe mit eigenen Augen ihren Geistlichen und Lehrern gegenüber mit Füssen getreten sehen". Diese Klage erscheint angesichts des Auftretens der Franzosen, von dem oben nur wenige Beispiele aus dem Kultusressort gegeben sind, nur allzu berechtigt. Für die Nichtachtung der religiösen Geühle der Bevölkerung durch die Franzosen möge der Hinweis auf den weissen Sonntag d. Js. im Trierer Bezirk genügen. An diesem Sonntage, an dem in Deutschland die kleinen Kinder zum ersten Male zur Heiligen Kommunion zu gehen pflegen, haben die Franzosen im Trierer Bezirk 604 Eisenbahnerfamilien gewaltsam aus ihren Wohnungen entfernt. Als die weissgekleideten Kommunikantinnen aus dem Gottesdienst nach Hause kamen, fanden sie die daheimgebliebenen Familienmitglieder auf den Strassen bei den Möbeln stehen. Wie wird dieser höchste Feiertag eines katholischen Kindes diesen Kindern für ihr Leben im Gedächtnis bleiben!
Ueber die schwere Gefährdung der Sittlichkeit besonders durch die farbigen Franzosen im besetzten Gebiet ist in der Presse und in den Parlamenten schon so oft Klage geführt worden, dass dieser Punkt hier nur kurz angedeutet zu werden braucht. Der schon in vierter Auflage erschienene "Notschrei deutscher Frauen" über "die farbigen Franzosen am Rhein" von dem ein Abdruck hier beigefügt ist, gibt ein anschauliches, auf amtlichem Material beruhendes Bild des französischen Wirkens auf diesem Gebiete. Auch aus dem Ruhrgebiet sind schon eine Reihe empörender Notzuchtsfälle gemeldet. Sie werden sich vermehren, je mehr farbige Truppen zur Besetzung herangezogen werden.
V. Wenn es auch den Amtsbereich des Kultusministeriums nur mittelbar berührt, so muss doch auf drei, für die Beurteilung der französischen Gewalttat und ihrer Folgen wichtigen Punkte hingewiesen werden.
Niemand in Deutschland glaubt, dass die Franzosen nur deshalb ins Ruhrgebiet eingebrochen seien, um sich die wenigen 1.000 Telegraphenstangen und die geringe Zahl von Eisenbahnwagen voll Kohlen zu holen, mit deren Lieferung Deutschland bei den Reparationen im Rückstande geblieben sein soll, für die Ersatz zu leisten, es aber ausdrücklich bereit war. Mit diesem angeblichen Ziele stehen die Riesenaufwendungen, welche der Unterhalt einer so großen Armee in Feindesland macht und die geringen, bisher auf dem Gebiete des Kohlenraubes erreichten Erfolge in einem zu schreienden Missverhältnis. Schon die weit über die Vorschriften des Versailler Friedens hinaus ausgedehnte Besetzung der Rheinlande zehrt, wie der Reichsschatzminister in den 3 dem Reichstage vorgelegten Denkschriften über die Kosten der Rheinlandbesetzung, von denen je ein Abdruck hier angeschlossen ist, überzeugend dargelegt hat, so sehr an der wirtschaftlichen Kraft des durch den langen Krieg und den furchtbaren Gewaltfrieden geschwächten Deutschlands, dass sie allein eine Reparation, wie sie Frankreich beansprucht, nahezu vereitelt. Auch die Kosten der Ruhrbesetzung werden die durch Beschlagnahmen, Plünderungen und Erpressungen vereinnahmten Summen ebenso wie die durch ihre Höhe sich als Kontributionen darstellenden "Geldstrafen" gegen Einzelpersonen und ganze Städte, durch die sich die Franzosen schadlos zu halten suchen, grösstenteils aufzehren. Für die "Reparation" wird aus diesem Milliardenraube wenig übrig bleiben. Wenn die Erlangung von Reparationen nur das Ziel der
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Franzosen wäre, so wäre es im Übrigen ganz unverständlich, dass ausser den Leitern der Bergwerke und allenfalls des Eisenbahnwesens auch die Vertreter der an den Reparationen gänzlich unbeteiligten Ressorts, wie Regierungsbeamte aller Zweige und gar Schulleiter und Lehrer in täglich wachsendem Masse ausgewiesen werden. Vollständig unbegreiflich wäre es dann, dass diese an sich schon harte Massnahme noch durch die brutale, binnen wenigen Tagen in Vollzug gesetzte Ausweisung auch der Familien der Betroffenen verschärft wird. Niemand in Deutschland zweifelt daher daran, dass die wirkliche Absicht der Franzosen darin besteht, unter dem Deckmantel der Reparationen Rheinland und Westfalen, die Zentren deutscher Industrie, in irgend einer Form von Deutschland zu lösen und dauernd französischem Einfluss zu unterstellen. Auch der jetzige Ruhreinbruch erscheint, weltgeschichtlich betrachtet, als eine folgerichtige Fortsetzung der Eroberungskriege Ludwig XIV. und Napoleons I.
Hierfür spricht auch entscheidend die mit immer grösserem Nachdruck unter Aufwendung grosser Mittel von den Franzosen in dem altbesetzten Gebiet betriebene sogenannte Kulturpropaganda. Während die einheimische Presse scharf bedrückt, durch Verbote, Geldstrafen, Ausweisungen der Schriftleiter und kleinliche Zensur an wahrheitsgemässen Berichten und namentlich an einer Wiedergabe der wahren Gefühle der kerndeutschen Bevölkerung gehindert wird, erscheinen teilweise reich illustrierte, teils deutsch, teils deutsch und französisch geschriebene Organe, in denen den Rheinländern vorgelogen wird, dass die keine Germanen, sondern Kelten und daher nicht mit den deutschen Volksgenossen, sondern mit den Franzosen stammverwandt seien. Französische unentgeltliche Vorträge, Kinovorstellungen, Theateraufführungen sollen der Bevölkerung die Ueberlegenheit der französischen Literatur und Kunst zeigen. Französische, mit allerhand wirtschaftlichen Vorteilen für die Besucher verknüpfte Sprachkurse sollen die Kenntnis der französischen Umgangssprache am Rheine verbreiten. Unentgeltliche Nähkurse mit mannigfachen Vergünstigungen für die Teilnehmerinnen, Kinderspeisungen und dergleichen sollen auch die weibliche Bevölkerung und die Kinder für Frankreich gewinnen und ihrem Vaterlande entfremden. Rücksichtslos wird die überlegene Kaufkraft des französischen Franken gegenüber der durch französische Gewaltpolitik entwerteten Reichsmark für diese pénetration pacifique à la Marokko ausgenutzt. Das Ziel, das linksrheinische deutsche Gebiet zu erwerben und den Rhein zu Frankreichs Grenze zu machen, wird dabei kaum noch verhüllt.
Auf die politischen und wirtschaftlichen Folgen dieser französischen Raubpolitik für Deutschland und für den Frieden Europas soll hier nicht eingegangen werden. Vom Standpunkt des Kultusministeriums aus muss aber darauf hingewiesen werden, dass mit dem Rheinland und dem westfälischen Industriegebiet die dichtbevölkertsten Gebiete mit überwiegend katholischer Bevölkerung von Preussen und Deutschland getrennt würden. Preussen, das durch den sogenannten Versailler Frieden schon eine Reihe, überwiegend von Katholiken bewohnte Landstriche verloren hat, würde durch den Verlust von Rheinland und Westfalen für die katholische Kirche ein reiner Diaspora-Staat werden. Schon der sogenannte Versailler Frieden hat zumeist überwiegend katholische Gebiete von Deutschland losgerissen. Der Prozentsatz der Katholiken an der Gesamtbevölkerung des Reichs ist von 36,7 auf 33 gesunken. In Preussen allein sind die Katholiken sogar von 36,3 % auf 32,4 % zurückgegangen. Durch Loslösung des Rheinlandes und des westfälischen Industriegebietes würden noch weitere 6 Millionen Katholiken von den 11,2 Millionen im jetzigen Staatsgebiete getrennt werden. Schon diese Verminderung ihrer Zahl wäre für die Stellung der Katholiken in Preussen naturgemäss nachteilig. Hierzu kommt aber noch ein weiterer Umstand.
Das Rheinland ist in kirchlicher, politischer, sozialer und kultureller Hinsicht das Herz des deutschen Katholizismus. In Eberfeld ist 1846 von Kolping der erste katholische Gesellenverein gegründet worden, der Ursprung des jetzt in Köln beheimateten Zentralverbandes der katholischen Gesellenvereine, welche im Inn- und Auslande im Jahre 1921 1.250 Vereine mit 70.000 aktiven und 127.000 ausserordentlichen Mitgliedern umfassten. In München-Gladbach entstand 1880 der Verband
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Arbeiterwohl, von dem die Gründung des Verbandes katholischer Arbeiter- und Knappenvereine Westdeutschlands mit jetzt 1.281 Vereinen und 183.394 Mitgliedern, sowie des allgemeinen deutschen Kartellverbandes der katholischen Arbeitervereine mit jetzt 3.600 Vereinen und 400.000 Mitgliedern hervorgegangen ist. In München-Gladbach ist ferner 1890 gegründet und heute noch domiziliert der Volksverein für das katholische Deutschland mit über 700.000 Mitgliedern, der seit seinem Bestehen an größeren Schriften fast 20 Millionen Exemplare und an Flugblättern zu Gunsten der katholischen Sache weit über 100 Millionen verbreitet hat. Er ist eine der Hauptstützen der Zentrumspartei. In Köln wurde 1898 der später nach Freiburg i/Br. verlegte Caritasverband gegründet, dem heute etwa 3.000 örtliche Verbände mit über 600.000 Mitgliedern angehören. In derselben Stadt ist 1912 ein Generalsekretariat für die Vinzenzvereine gegründet worden. In Bonn hat der Zentralverband katholischer Klein-Kinder-Horte Deutschlands, der jetzt 2.451 Anstalten im Reiche unterhält, seinen Sitz. Der Verband der katholischen Jugend und Jung-Männer-Vereine Deutschlands, der 3.666 Vereine mit 340.000 Mitgliedern umfaßt, hat seinen Sitz in Düsseldorf, während Bochum die Heimat des Zentralverbandes der katholischen Jungfrauenvereinigungen Deutschlands mit 2.850 Vereinen und 560.000 Mitgliedern ist. Am gleichen Orte ist der Sitz des katholischen Lehrerverbandes des Deutschen Reiches mit 21 Zweigverbänden und 23.000 Mitgliedern. Die Zentralstelle für die Verbreitung katholischer Literatur in Deutschland ist der 1845 in Bonn gegründete und noch heute von dort aus geleitete Borromäusverein, dem zurzeit 4.335 Ortsvereine mit 376.149 Mitgliedern angehören. Die gleiche Stadt beherbergt die Zentrale der Görres-Gesellschaft zur Förderung katholischer Wissenschaft. Der Franziskus-Xaverius-Verein, welcher die Missionen in den deutschen Kolonien betreibt, hat seine Zentrale in Aachen. Im gleichen Aachen hat seit seiner Begründung im Jahre 1843 der Kindheit-Jesu-Verein seinen Sitz. Diese wenigen Beispiele genügen für den Nachweis, daß tatsächlich das Rheinland der Sitz aller großen katholischen Organisationen ist, für die sich bei der Abtrennung des Landes von Preußen und Deutschland ein Ersatz für das übrig bleibende Reichsgebiet in absehbarer Zeit schlechterdings nicht schaffen ließe; dies umsoweniger, als der steuerkräftigste Teil der katholischen Bevölkerung zweifellos im Westen der Republik seine Heimat hat.
2. Gerade diesen Gebieten drohen aber durch das Vorgehen der Franzosen und Belgier ganz besondere Gefahren. So scharf, stellenweis grausam die Franzosen gegen die patriotisch-fühlenden Deutschen ohne Unterschied von Partei, Konfession oder Geschlecht im besetzten Gebiete auftreten, so nachgiebig und freundlich sind sie Kommunisten gegenüber. Im Gegensatz zu den Versammlungen anderer Parteien werden die der Kommunisten gestattet. Aus den Reihen dieser Parteien rekrutieren sich die Spione für die französischen Generäle. Bei dem mindestens neutralen Verhalten der französischen Besatzung diesen zu Aufruhr und Unruhen geneigten Kreisen gegenüber ist an sich schon die Gefahr nicht gering zu achten, daß unter dem Schutz der Franzosen die Kommunisten eines Tages die Herrschaft im besetzten Gebiet an sich reißen. Man beachte, daß das rheinisch-westfälische Industriegebiet einer der dichtest bevölkersten Teile Europas ist, und daß die dortige angesessene, arbeitsame und friedliche Bevölkerung mit vielen von außen her zusammen geströmten, unruhigen Elementen durchsetzt ist. Fast die gesamte Polizei ist von den Franzosen aus dem Gebiete entfernt. Regierungsbeamte, Bürgermeister u. a. Personen, denen die Aufrechterhaltung der Staatsautorität obliegt, sind massenhaft aus dem Gebiete ausgewiesen. Die furchtbare wirtschaftliche Not vermehrt die Gefahr von Ausschreitungen. Um von dieser, durch die Fortsetzung des Krieges trotz des sogenannten Versailler Friedens verschuldeten Not ein Beispiel zu geben, sei nur erwähnt, daß von den rund 10.700 Ordensschwestern des Kölner Erzbistums von Anfang 1919 bis Mitte 1922 nicht weniger als 339 Schwestern an Tuberkulose starben, während 514 sich wegen der gleichen Krankheit in ärztlicher Behandlung befanden. Es starben also im Bereiche der Erzdiözese an dieser Seuche 5 1/2 mal so viele Ordensschwestern, als dem Durchschnitt in der Republik entsprechen würde. Von 10 großen Krankenhäusern ist in den 3 Jahren bei-
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nahe das gesamte Pflegepersonal durch Krankheit und Entbehrung arbeitsunfähig geworden. Wenn in solcher Not die Bevölkerung noch durch Paß- und Zollschikanen, durch Unterbindung des Verkehrs auf den Eisenbahnen, durch Stillegung des Straßenbahn- und Automobilverkehrs, durch fortgesetzte Beschlagnahme, Einquartierungen und durch herausforderndes Auftreten der fremden Soldaten auf den Straßen und in den Lokalen fotdauernd gereizt und in nervöse Erregung versetzt wird, dann ist es eigentlich nur zu verwundern, daß nicht schon längst Ausschreitungen größeren Umfanges stattgefunden haben. Leider lassen die jüngsten Vorgänge in Mülheim darauf schließen, daß die französischen Gewalthaber die in dieser Hinsicht drohenden Gefahren nicht nur wohl erkennen, sondern daß es ihnen geradezu erwünscht wäre, wenn Kommunismus und Bolschewismus die Herrschaft im Industriegebiet an sich rissen. Haben doch die Franzosen, welche jeden friedlichen Bürger, der mit der kleinsten Pistole oder sonstigen Waffe betroffen wird, mit harten Freiheits- und nach Millionen bemessenen Geldstrafen belegen, es jüngst in Mülheim ruhig geduldet, daß die aus der Umgegend in die Stadt zusammenströmenden Unruhestifter Gewehre trugen, ja ein vollständiges Feuergefecht mit den wenigen in der Stadt noch vorhandenen Polizeibeamten und den sie unterstützenden Bürgern eröffneten. Verwundete Kommunisten sind auf die französische Wache in Sicherheit gebracht worden. Dagegen wurde die Verstärkung der einheimischen Polizei durch Hilfskommandos aus anderen Städten nicht gestattet. Mit Schadenfreude haben französische Blätter auf die sich angeblich in Mülheim zeigenden Spuren der Zersetzung Deutschlands hingewiesen. Der Ideengang Poincarré's und Degutte's ist augenscheinlich der: können wir die Rheinprovinz und das Ruhrgebiet nicht für Frankreich von Deutschland trennen, dann soll es dem Kommunismus und Bolschewismus überliefert werden, damit es wenigstens für Deutschland verloren bleibt. Nur so läßt sich auch die rücksichtslose Entfernung der ganzen Schutzpolizei aus dem Einbruchsgebiet erklären. Denn das [sic] die französischen Generäle, die sich im Kriege nicht als ängstlich erwiesen haben, sich an der Spitze einer gewaltigen, mit allen modernen Kampfmitteln ausgerüsteten Armee vor den wenig tausenden höchstens mit Karabinern, meist nur mit Pistolen, bewaffneten Schutzpolizeibeamten fürchten sollten, wird im Ernst niemand annehmen. Was aber für die katholische Kirche eine auch nur vorübergehende kommunistisch-bolschewistische Herrschaft in diesen überwiegend katholischen Gebieten zu bedeuten hätte, braucht nicht dargelegt zu werden. Hat sich doch der kommunistische Ansturm zu allen Zeiten, - man blicke nur auf die große französische Revolution und auf die Pariser Kommunards 1871 -, mit besonderer Wut gegen die Kirche gerichtet.
3. Die schlimmste Seite des in Frankreich augenblicklich herrschenden, in dem Ruhreinbruch sich furchtbar bestätigenden Imperialismus oder Militarismus besteht aber, wie nicht nur von deutscher Seite wiederholt betont worden ist, in der Verwendung farbiger, ganz überwiegend nicht-christlicher Truppen zur Niederhaltung und Bewachung einer weißen christlichen Bevölkerung. Haben die an Volkszahl, Bevölkerungszunahme, Körperkraft und Genügsamkeit den Weißen zweifellos überlegenen dunkelfarbigen Völker der Erde durch das Verschulden Frankreichs erst einmal den Respekt vor der weißen Rasse, der ihnen jetzt noch angeboren ist, verloren, werden sie geschult im Gebrauch moderner Waffen und in der neuzeitlichen Kriegführung geübt, dann werden dereinst einmal unsere Urenkel nicht nur um die Herrschaft der Weißen, sondern auch um die des Christentums in der Welt zu kämpfen haben. Auch im Einbruchsgebiet werden, ebenso wie im altbesetzten, noch heute farbige Truppen, namentlich Marokkaner, von den Franzosen verwandt. Wie die Franzosen sie werten, geht aus dem Schreiben des Trierer Bezirksdelegierten an den Bischof von Trier hervor, der sich über die Mißhandlung zweier katholischer Geistlicher durch eine Spahie-Patrouille beschwerte. Der Bezirksdelegierte antwortete, wie die Zeitungen berichten: "Ihr Schreiben ist mir ein wertvolles Dokument für die wahrhaft vornehme Mäßigung, mit der meine Elitetruppen bei den letzten Vorfällen vorgegangen sind." Bei dem erheblichen Prozentsatz, den die farbigen Truppen in der stehenden französischen Armee zur Zeit ausmachen, ist die Wertung dieser "Elitetruppen" durch den Bezirksdelegierten an sich verständlich. Spätere Geschlechter, auch der Franzosen, werden aber einstmals anders hierüber urteilen.
Die italienische Übersetzung des Dokuments finden Sie unter Dokument Nr. 12090.
Empfohlene Zitierweise:
Boelitz, Otto, Denkschrift des Preussischen Kultusministers über die kulturellen Folgen der Rhein- und Ruhrbesetzung durch die Franzosen und Belgier. 1923., [Berlin] vom April 1923 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 13199, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/13199. Letzter Zugriff am: 19.02.2020.
Online seit 24.10.2013, letzte Änderung am 15.02.2016