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Dokument-Nr. 14077
Baumann, M. an Pius XI.
Frankfurt am Main, 30. Juni 1923

Heiligster Vater!
In inniger Dankbarkeit gedenken wir der hochherzigen Spende, mit der Du im vergangenen Jahre der christlichen Theaterbewegung Deutschlands, dem Bühnenvolksbund ermöglicht hast, seine Arbeit, die auf dem so wichtigen Gebiete der Kunst des Theaters eine Erneuerung des deutschen Volkstums aus der Tiefe der christlichen Lebensauffassung erstrebt, seine Arbeit weiterzuführen. Auf Grund Deiner huldvollst gewährten Hilfe ist es uns gelungen, den Bühnenvolksbund in immer weitere Kreise hineinzutragen, sodass jetzt nahezu das ganze Land mit einem Netz von christlichen Theatergemeinden, deren Teilnehmer sich verpflichten, keine Aufführungen glaubens- oder sittenfeindlicher Stücke zu besuchen, überspannt ist. Auch war es uns möglich, viel zu tun zur Förderung der jungen katholischen dramatischen Dichter Deutschlands und ihnen den Druck und zahlreiche Bühnenaufführungen einer Anzahl von Dichtungen, die in ganz besonderem Masse Ausdruck der katholischen Idee sind und als solche in weite Kreise unseres Volkes, namentlich der Jugend hinein, wirksam wurden, zu ermöglichen.
Eine neue, ganz besonders dringende Aufgabe, deren Inangriffnahme nicht länger hinausgezögert werden kann, hat sich nunmehr dem Bühnenvolksbund im Verlauf seiner Arbeiten als unabweisbar notwendig herausgestellt. Aber zu ihrer Durchführung sind erhebliche Mittel notwendig, die wir nicht aufbringen
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können und zu deren Erlangung uns wieder nur der eine Weg übrig bleibt, uns vertrauensvoll an den Vater der Christenheit zu wenden. Es handelt sich um die Erfassung der katholischen Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Sänger, Kapellmeister usw., um auch sie in den Dienst der christlichen Theaterbewegung zu stellen, denn was hilft uns alle Pflege des katholischen Dramas und Förderung unserer christlichen Dichter, womit ja der Bühnenvolksbund in den letzten Jahren unleugbar grosse Erfolge errungen hat, wenn es uns nicht gelingt, auch für die Darstellung der Werke unserer Dramatiker künstlerische Kräfte zu finden, die von innen heraus den Geist der Dichtung, den sie im Volk verkörpern sollen, zu erfassen in der Lage sind. Mehrmals haben wir die Erfahrung machen müssen, dass die Aufführung bedeutender dramatischer Dichtungen unserer jüngeren katholischen Dichtergeneration deshalb nicht zur vollsten Wirkung gelangt, weil nicht die Schauspieler in ihren Dienst gestellt werden könnten, die zum inneren Erlebnis des Kunstwerkes fähig waren.
Vor allem aber bietet sich hier für Deine in unseren Reihen stehenden geistlichen Söhne eine ganz besonders grosse und neue Aufgabe der Seelsorge, die sich an Bedeutung geradezu mit der Wichtigkeit der jetzt in Deutschland mit so viel Eifer betriebenen Studentenseelsorge vergleichen lässt. Der grössere Teil des deutschen Schauspielstandes kommt aus den katholischen Gegenden namentlich des Südens und des Westens, deren Bewohner leichter
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beweglich und spielfreudiger sind, als die schwereren Norddeutschen. Aber leider gehen in der ganz unchristlichen Atmosphäre des Theaters, wie es zurzeit bei uns ist, dem Glauben überaus viele katholischen [sic] Schauspieler verloren. Wir denken nun daran, in losem Zusammenhange mit dem Bühnenvolksbund einen Zusammenschluss, der zunächst zu erreichenden und noch auf positivem Boden stehenden Mitglieder der oben genannten Künstlerkategorien zu schaffen. Noch in diesem Jahre soll der Plan verwirklicht werden, sie zu einem mehrwöchigen Kursus, der gleichzeitig als eine Ausspannung von der schweren Berufsarbeit gedacht ist in einer geeigneten Gegend, vielleicht auf einem früheren Adelssitze oder in einem ähnlichen Gebäude zu versammeln, zur Aussprache mit den geistigen Führern der christlichen Theaterbewegung und zur gleichzeitigen Inangriffnahme der geschilderten seelsorglichen Aufgaben, zu deren Durchführung wir in dem Mitglied unseres Direktoriums, Herrn Studentenseelsorger Grosche, Köln, Universität den geeigneten Mann wissen, der auch in seiner bisherigen Wirksamkeit sich die Beziehungen geschaffen hat, durch der [sic] Vermittlung der Weg zur Erfassung der in Betracht kommenden Künstlerkreise gebahnt ist. In der sehr segensreich wirkenden Vereinigung der katholischen Schauspieler Englands, der Catholic Stage Guild sehen wir ein Vorbild für die geplante Zusammenfassung der katholischen Schauspieler Deutschlands.
Wir bemühen uns zurzeit sehr um die Aufbringung der erforderlichen Mittel, um einer voraussichtlichen grösseren Anzahl von Künstlern Unterkunft und Verpflegung während des
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geplanten Kursus sicherzustellen und weiterhin die Fundamente für eine grosszügige Organisation der katholischen Bühnenkünstler Deutschlands zu legen. Wir haben auf Grund sehr sorgfältiger Ueberlegungen die Kosten des geplanten Unternehmens in italienischer Währung ausgedrückt auf etwa 40.000,- Lire berechnet, sehen aber leider nur recht wenig Möglichkeiten, sie von uns selbst aus zu bestreiten. Immerhin hoffen wir vielleicht die Hälfte der erforderlichen Summe aufzubringen; mit der demutsvollen Bitte, mit der Zuwendung der anderen Hälfte der erforderlichen Summe die Durchführung des grossen Werkes, zu dem wir in Ehrfurcht Deinen Segen erflehen, zu ermöglichen, nahen wir Deinem erhabenen Throne.
In tiefster Ehrfurcht
verharren Deiner Heiligkeit gehorsamste
und ergebenste Söhne
Der Vorstand des Bühnenvolksbundes E. V.
i. A. M. Baumann
Empfohlene Zitierweise:
Baumann, M. an PiusXI. vom 30. Juni 1923 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 14077, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/14077. Letzter Zugriff am: 29.01.2020.
Online seit 23.07.2014