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Dokument-Nr. 19967

Leiber SJ, Robert: Una Sancta, in: Katholisches Kirchenblatt der Fürstbischöflichen Delegatur für Berlin, Brandenburg und Pommern, Nr. 51, S. 6-7., 19. Dezember 1926
30. November 1926 tagte in Berlin, Vortragssaal der Universität der hochkirchlich ökumenische Bund.
Was ist der hochkirchlich ökumenische Bund? Dasselbe auf deutschem Boden, was der Puseyismus der 50er und 60er des letzten Jahrhunderts in England war. Pusey und seine Gefährten setzten sich das Ziel, die anglikanische, römisch-katholische und orientalische Kirche zu einer Einheit zu verschmelzen und so eine universelle, eine "katholische" Kirche in einem ganz neuen Sinne zu schaffen. Der hochkirchlich ökumenische Bund bezweckt dasselbe durch Vermischung von Protestantismus, römischem Katholizismus und östlicher Orthodoxie. Auch der Ausgangspunkt ist beidemal derselbe. Es soll heute bei uns wie damals in England drüben der Zerrissenheit und Blutleere des religiösen und kirchlichen Lebens in der nichtkatholischen Christenheit dadurch abgeholfen werden, daß man ihm Werte zuführt, die zum sicheren Bestand der alten Kirche
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gehören. Man will eine sichtbare Kirche, unabhängig vom Staat, eine Autoritätskirche, mit hierarchischer Verfassung und apostolischer Sukzession, mit Beichte, Liturgie, Opfer und Eucharistie, mit lebendigem Gebetsleben und mit Mystik. Das Organ der Bewegung trägt den Namen "Una Sancta". Es ist eine Vierteljahrsschrift, herausgegeben von Universitätsprofessor Alfred von Martin (München) und verlegt bei Fromann in Stuttgart. Der Name "Una Sancta" ist Programm. Es soll aus den verschiedenen Konfessionen eine Einheitskirche geschaffen werden, eine Idealkirche, eine heilige Kirche, die nicht derart mit Menschlichkeiten behaftet ist wie die bestehenden Kirchen.
Wir wollen nicht verkennen, daß aus der Una-Sancta-Bewegung religiöser Sinn und Sehnsucht nach verlorenem Glaubensgut spricht. Man lese im ersten Jahrgang ihrer Zeitschrift die Artikel des Schweizer reformierten Pfarrers Gustav Adolf Glinz über Heiligenverehrung, Eucharistie und Maria, auch die unbefleckt Empfangene. Es berührte gleichfalls angenehm, daß die ökumenische Bewegung religiöse und kulturelle Schädlinge wie den Evangelischen Bund scharf verurteilt. Uebrigens eine selbstverständliche Voraussetzung, wenn sie, wie es tatsächlich der Fall ist, gerade in den katholischen Reihen Anhänger werben will. Der Una-Sancta-Kreis wird auch wissen, daß er sein Bestes und Schönstes, sein Positives, der katholischen Kirche entlehnt. Sie ist es, die jene religiösen Werke über die Jahrhunderte der Reformation hinübergerettet hat. Das wollen wir doch nicht übersehen.
Die hochkirchliche Bewegung nähert sich uns bis zu einer bestimmten Linie. Indes dürfen wir uns nicht darüber täuschen, daß sie nicht an unsere katholische Heimat grenzt. Es ist sogar noch weit von ihr bis zu uns herüber. Uns trennen Grundanschauungen. Wir denken verschieden, in wesentlichen Punkten sogar diametral entgegengesetzt, über Papsttum und Luther. Die hochkirchliche Bewegung lehnt das Papsttum in katholischem Sinne ab. Die vielen Aeußerungen zur Frage in der Una Sancta lassen darüber keinen Zweifel. Uns zerfällt aber die Kirche ohne Papsttum. Auf der anderen Seite verlangt der ökumenische Bund von uns die Annahme der Erlösungslehre Luthers und seiner Bibelauffassung. Hier hat das Konzil von Trient gesprochen, endgültig und gegen Luther. Man verdenke es also der katholischen Kirche nicht, wenn sie, aus prinzipiellen Erwägungen heraus, es ablehnen muß, die hochkirchlich ökumenische Bewegung zu bejahen. Das alles kam am 30. November 1926 abends in der Universität nach dem Vortrag vom Professor Dr. Heiler, Marburg, über die katholische Bewegung in der anglikanischen Kirche zur Aussprache. Die klare Stellungnahme von katholischer Seite wurde offenbar unangenehm empfunden, und Professor von Martin redete von Mißverständnissen: es handle sich in der Bewegung um eine persönliche Annäherung zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen. Die Glaubensüberzeugung der Katholiken bleibe unangetastet. Es solle bloß das Gemeinsame mehr betont, das Trennende mehr zurückgestellt werden. Die beiden Konfessionen, die katholische und protestantische, hätten bislang zu sehr vom Protest gelebt. Das letztere lehnen wir für unseren Teil ab. Die katholische Kirche hat nie vom Protest gelebt, auch nicht in den Ländern der Reformation. Dafür ist sie viel zu reich an positiven Werten. Dann handelt es sich doch tatsächlich in der ökumenischen Bewegung um mehr als um bloß persönliche Annäherung. Die Bewegung geht auf den Bau einer religiösen Gemeinschaft, einer Kirche hinaus, wenn es uns auch scheinen will, daß die Einigung von Katholiken, Protestanten und Orientalen in einer Kirche, aber unter Belassung des jedem Spezifischen, ein Unding sei: die erste Wurzel jedes religiösen Zusammenschlusses ist der einheitliche Glaube. Wir fürchten, wohl nicht mit Unrecht, daß wir, das reichste Bekenntnis, die größten Opfer bringen müssen. An das andere, an die Betonung des Gemeinsamen und Zurückstellung des Trennenden, könnte man vielleicht denken, wenn es um Nebensächliches und nicht um Letztes und Wesentliches ginge! Weltanschauliche Auseinandersetzungen werden zur Spielerei, zum Zeitvertreib, zum Zeitverlust, wenn man tiefgehende Gegensätze verdeckt, bloß um von Friede und gegenseitiger Verständigung reden zu können. Man könnte daran denken, wenn nicht die Una Sancta so oft, zu oft, auf Primat und Rechtfertigungslehre zu sprechen käme. Professor Friedrich Heiler hat es in Band I seiner gesammelten Aufsätze ganz offen gesagt: die hochkirchliche Bewegung mußte geschaffen werden, um den Strom der nach einem reichen religiösen und kirchlichen Leben Verlangenden von der katholischen Kirche abzuleiten. Das ist wirklich eine unzweideutige Sprache. Man verarge es uns nicht, wenn wir ebenso klar Farbe bekennen. Was um so notwendiger ist, als von den katholischen Mitarbeitern der Una Sancta bis jetzt kein einziger das Bedürfnis empfunden hat, gegenüber der Heilerschen Einstellung, die die herrschende im Bunde ist, dem selbstverständlichen katholischen Standpunkt Ausdruck zu verleihen.
Professor Heiler hat unsere Auffassung vom ökumenischen Bund am Ende der Diskussion des 30. November besiegelt: wir wollen zurück zur Kirche der ersten sechs Jahrhunderte1, zur ungeteilten Kirche, zur Kirche ohne Papst. Das war sein Schlußwort. Die "ungeteilte Kirche" ist ein historisches Mißverständnis. Es haben sich immer Teile von der wahren Kirche losgelöst, vom ersten Jahrhundert an: Gnostiker, Marcion, Manichäer, Arianer, viele andere. Heiler muß also auch im christlichen Altertum durch die Spaltungen hindurch die eine wahre Kirche suchen. Er stößt dort auf das römisch-katholische Problem von heute. Das zweite Wort, das von der Kirche ohne Papst, ist ein historischer Irrtum. Wir werden bei anderer Gelegenheit darauf zu sprechen kommen.
Rom hat seinerzeit den Puseyisten in einem in der Form ebenso freundlichen wie sachlich entschiedenen Schreiben auseinandergesetzt, warum die Katholiken nicht in ihre Bewegung eintreten könnten. Die Antwort Roms an den hochkirchlich ökumenischen Bund wird nicht anders lauten. Das "Zurück zur Mutterkirche" ist eben die einzige Lösung des Problems. Wir brauchen nicht bange zu sein, daß wir durch diese Stellungnahme den Wahrheitssuchern im Bunde den Weg zum Ziele versperren. Im Gegenteil: der Siegeszug der katholischen Kirche in die Herzen war immer gekennzeichnet durch diese drei: Offenheit, Klarheit und Selbstbehauptung.
1"ersten sechs Jahrhunderte" hds. von unbekannter Hand in blauer Farbe unterstrichen.
Empfohlene Zitierweise:
Leiber SJ, Robert, Una Sanctain: Katholisches Kirchenblatt der Fürstbischöflichen Delegatur für Berlin, Brandenburg und Pommern, Nr.51, S.6-7. vom 19. Dezember 1926 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 19967, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/19967. Letzter Zugriff am: 18.10.2019.
Online seit 25.02.2019