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Dokument-Nr. 2896
Schlesinger, MarthaFreimann, ThereseForchheimer, StephanieFink, EliasDarmstädter, IreneBauer, DorisBesthoff, HenrietteNassauer-Niedermayer, PaulaSulzbach, A.Mainy, EmmaHolzmann, BerthaRuppert, S.Zedner, Else an Schmidt, Joseph Damian
Frankfurt am Main, 12. Januar 1919

Die jüdische Frauenwelt ist von tiefer Kümmernis erfasst ob der namenlosen Gräueltaten, die von den Christen in Polen und Galizien an der jüdischen Bevölkerung verübt worden sind.
Mord und Totschlag an Frauen, Mädchen, Kindern und wehrlos gemachten Männern; Plünderung u. Erpressung und nicht zuletzt Brandstiftung an einem alten ehrwürdigen Gotteshause – das sind Vorkommnisse, die den Höhepunkt planmäßiger Judenhetzen bildeten, die Schmach und Schande auf deren Urheber häufen.
Wir jüdischen Frauen Deutschlands können diese Ereignisse nicht länger stillschweigend in Berichten hinnehmen. Wir hätten erwartet, daß die gesamte Kulturwelt in einen lauten Protest ausgebrochen wäre und einmütig die Verhinderung weiterer Gräuel verlangt hätte.
Außer wenigen nicht sehr eindringlichen Zeitungsnotizen haben wir nichts erfahren oder feststellen können, was in der Öffentlichkeit eine Zurückweisung dieser Judenhetzen bedeutet, oder eine Wiederholung derselben unmöglich gemacht hätte.
In Schmerz u. Bitterkeit ob aller Taten und Unterlassungen in diesen Hergängen, die ein dunkles Blatt in der Geschichte christlichen Staatslebens bilden, wenden wir uns an Seine bischöfliche Gnaden mit der herzlichen und dringenden Bitte, alle
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Machtmittel, die der katholischen Kirche zur Verfügung stehen – wir wissen daß sie groß und weitreichend sind – anzuwenden, um künftig hier das Leben der Menschen zu schützen, die um ihrer Herkunft und ihres Glaubensbekenntnisses willen, weil sie Juden sind, Mord und Totschlag und alle Formen raffinierter Ungerechtigkeit erdulden müssen.
Möchte auch Seine bischöfliche Gnaden für unsere Bitte den Weg an Seine Heiligkeit den Papst Benedikt XV. nach Rom ebnen, möge sie befürworten, daß im Lande des Hasses, in Polen selbst, und auch sonst überall die Kirche in ihren Fürsten und Dienern die Weisung erhalten, daß das Gebot der Ehrfurcht vor dem Leben der Menschen befolgt werde, als ein Teil der heiligen Sittengesetze.
Wir jüdischen Frauen Deutschlands kennen im Augenblick kein anderes Mittel als das, diese Bitte auszusprechen, aber wenn sie Gehör und Fürsprache findet kann der Segen der Gerechtigkeit künftig die Wehr bilden, die nicht nur die Juden – wo immer sie von antisemitischem Hass verfolgt sind – in Leben und Besitz schützt, sondern sie kann auch die Christen davor bewahren, Seele und Gewissen immer wieder durch neue Freveltaten zu belasten.
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Namens vieler schmerzlich bewegter jüdischer Frauen hoffen die Unterzeichneten an Seine bischöflichen Gnaden keine Fehlbitte zu tun.

Weibliche Fürsorge
Therese Freimann

Ortsgruppe Frkft. M. des Jüd. Frauenbundes
Paula Nassauer

Kriegskinderstube
Doris Bauer

Prof. Dr. A. Sulzbach,
1. Vors. des Mor. u. Joh. Kindergartens f. Isr.

Heim des jüd. Frauenbundes
Stephanie Forchheimer

Juedische Haushaltungsschule
Emma Mainy

Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Bertha Holzmann

Fr. Vereinig. der Frkf. Loge
Martha Schlesinger

Jüdische Frauenvereinigung
Henriette Besthoff

Else Zedner,
Jugendgruppe, begr. v. d. Frauenvereinigung der Frankfurt – Loge.

Prof. Dr. Elias Fink.
Stellvertr. Vorsitzender des Vorstandes der Israel. Waisenanstalt.

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen,
Prof. S. Ruppert.

Mädchenklub
Irene Darmstädter
Empfohlene Zitierweise:
Schlesinger, Martha an Schmidt, Joseph Damian vom 12. Januar 1919 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 2896, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/2896. Letzter Zugriff am: 10.12.2019.
Online seit 04.06.2012