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Dokument-Nr. 510
Thoma, Franz Joseph an Pacelli, Eugenio
Bischofsreut, 12. Januar 1921

Der allerehrfurchtsvollst Unterzeichnete erlaubt sich, die Bitte um gnädigste Weiterleitung beiliegender Schreiben befürwortend zu unterstützen.
Es ließe das Gewicht der Bittgesuche verringern, wollte ich noch meinerseits denselben Weiteres hinzufügen. Nur die eine Bemerkung sei gnädigst gestattet, daß Sie Überbringer der Schriftstücke ausdrücklich beteuerten, sie hätten sich nicht alles so schrecklich darzustellen getraut, wie es sich in Wirklichkeit verhalte, aus Furcht, selbst in tschechischen Kirchenkreisen Verräter und Verfolger zu finden. Ihr Vertrauen in die tschechische Geistlichkeit sei erschüttert; es seien nur mehr die Bischöfe und Sr. Excellenz der Hochwürdigste Herr Nuntius in Prag, denen sie felsenfestes Vertrauen
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entgegenbrächten. Wenn nicht deutsche Pfarreien auch nach Möglichkeit deutsche Priester bekämen, so dürfe man sich nicht wundern, wenn man gänzlich mutlos werde; denn sie trügen nur zu sehr die Überzeugung in sich, daß der tschechische Klerus sich als willfähriger Diener der Staatsgewalt betätige.
Excellenz!
Als Seelsorger einer bayerischen Grenzpfarrei verstehe ich diese Seelenstimmung, diesen qualvollen Aufschrei der guten Leute gar wohl. In einem Lande (1), wo es möglich ist, für Belieferung mit Lebensmittelmarken den deutschen 1.000 % tausend % Kronen abzuverlangen und dann die Lebensmittel erst recht noch teuer an die Deutschen zu verkaufen, ist es auch möglich, daß man Spionage treibt bis in das Heiligtum des Briefgeheimnisses hinein. Die Deutschen im unglücklichen Nachbarland werden nicht als Staatsbürger, sondern oft geradezu als Kriegsgefangene behandelt. Gerade deshalb ist es so dringend notwendig, wenigstens in kirchlicher Beziehung Verhältnisse herbeizuführen, welche Ruhe und festen Halt verbürgen. Unmaßgeblichst geht meine und auch anderer Herren Konfratres Meinung dahin, daß die beste Heilung des Übels darin liegt, indem:
erstens den deutschsprechenden Pfarrern der Diözese Budweis eine irgendwie gesonderte Leitung und Vertretung
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im Ordinariate gegeben wird. Can. 216 dürfte dem kaum entgegenstehen, eher günstig sein;
zweitens: nach Möglichkeit sollten dann, besonders im Grenzgebiete, auch deutschstämmige Seelsorger angestellt werden. Der tschechische Seelsorgeklerus, wenigstens so weit er hier in den Grenzgebieten bekannt ist, ist nicht auf der Höhe der Zeit; er ist höchstens ein Seelsorger, der sein Ideal darin erblickt pacem habere cum populo et laetos transmittere annos. Was das gerade in jetziger Zeit, welche uns Seelsorgern jegliche Allotria verbietet und [Aufzerrung] aller Kräfte zur strengsten Pflicht macht, gerade auch in unseren bayerischen Grenzpfarreien bedeutet, davon kann meine Wenigkeit ein wohlberechtigtes Zeugnis ablegen. Zwei Drittteile meiner Hausmeister entstammen der Nachbardiözese Budweis; in religiöser Erziehung sind dieselben kalt und gleichgültig; kaum daß sie einmal des Jahres zu den heiligen Sakramenten gehen; die Kinder wachsen auf als kleine Wilde; wie ganz anders müsste es fürwahr werden, wenn wir jenseits der Grenzen tüchtige Mitarbeiter im Weinberge des Herrn begrüßen dürften; nicht Wüstlinge, denen an der Herde nichts liegt!
Eure Excellenz wollen deshalb verzeihen, wenn ich immer wieder seit eineinhalb Jahren meiner Berichterstattung de scandalo boëmico auf diesen Punkt zu sprechen komme. Es handelt sich nur zu sehr auch um das Wohl und Wehe der bayerischen Gläubigen hiesiger Grenzregion!
Ich bitte mich nennen zu dürfen
Eurer Excellenz
in Christo ehrfurchtvollst und gehorsamst ergebenster
Sohn und Diener
F. J. Thoma, Pfarrer

(1) Diese Tatsache wurde mir von einem Deutschen der Pfarrei Kuschwarda in Gegenwart seines tschechischen Seelsorgers erzählt!
Empfohlene Zitierweise:
Thoma, Franz Joseph an Pacelli, Eugenio vom 12. Januar 1921 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 510, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/510. Letzter Zugriff am: 09.12.2019.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 25.06.2013