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Dokument-Nr. 6242
Poellnitz, Lallah Caroline von an Pius XI.
Immenstadt, 21. Dezember 1922

Eure Heiligkeit!
Heiliger Vater!
Zu Füßen Eurer Heiligkeit kniet im Geiste ein dankbares Kind Eurer Heiligkeit, um seinen tiefempfundenen Dank auszusprechen für die großmütige Gabe von 1.000 Lire, welche Eure Heiligkeit geruhten mir durch Seine Erzbischöfliche Gnaden, den Apostolischen Nutius von München übersenden zu lassen. O Heiliger Vater! Worte vermögen nicht auszudrücken, was ich empfunden, als ich in meiner großen Not, vorgestern, d. 19. Dezember, diese Gabe erhielt. Ich war zuerst wie gelähmt, ich konnte es gar nicht fassen, daß mir das Geld gehören sollte. Dann aber kniete ich nieder um dem barmherzigen Vater im Himmel zu danken, u. konnte
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aber immer nur stammeln: "O lieber Gott, wie bist Du so gut, so gut."
Heiliger Vater, nur der liebe Gott weiß es wie groß meine Not war, denn ich habe nicht geklagt und suchte immer fröhlich und heiter zu sein, und so weiß auch der liebe Vater im Himmel allein wie groß die Wohltat ist, die Eure Heiligkeit mir erwiesen haben. Ich wagte kaum mehr an eine Hilfe von Eurer Heiligkeit zu glauben, da so viele Monate verstrichen waren, da ich mein Bittgesuch an Heiligen Vater gerichtet hatte. Ich sagte mir eben: "Unser Heiliger Vater hat so viele arme Kinder, die S. Heiligkeit um Hilfe anflehen, daß Hochderselbe unmöglich allen helfen kann." Aber doch, ganz, ganz leise regte sich die Hoffnung "o vielleicht, wenn die Not am allergrößten ist, kommt doch noch Hilfe." Ich bat "meinen Heiligen", St. Antonius immer wieder um seine Hilfe und Fürbitte, u. gerade am Tage ehe ich die großmütige Gabe Eurer Heiligkeit erhielt, und nur wenige Mark mehr hatte, schaute ich auf zum lb. Hl. Antonius u. sagte zu ihm
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voll Vertrauen: "Du kannst nur noch helfen!" Und er hat mir geholfen. Den nächsten Tag, es war am Dienstag, d. 19. Dez., erhielt ich die Gabe Eurer Heiligkeit. – O der liebe Vater im Himmel vergelte Heiligen Vater diesen Akt der Barmherzigkeit tausend und tausendfach mit Seinen reichsten Gnaden und Segen. Ich habe ja immer schon von ganzem Herzen als dankbares Kind der hl kath. Kirche und Eurer Heiligkeit für Heiligen Vater gebetet, aber mit welch' ganz anderen Gefühlen bete ich jetzt erst recht für Eure Heiligkeit, als "meinen Heiligen Vater und größten Wohltäter" – nach Gott mein größter Wohltäter. – Aber Heiliger Vater, trotzdem ich die bitterste, größte Not gelitten habe, denn – so große Not, Entbehrungen u. Leiden ich auch seit meiner Aufnahme in die hl. katholische Kirche im Jahre 1893, u. seitdem ich am Vorabende des Festes der Unbefleckten Empfängnis das Elternhaus verlassen musste im Jahre 1899, durchmachen musste, – so war alles, was ich bisher
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an pekuniären Sorgen durchgemacht hatte, ja wie Nichts in [sic] Vergleiche zu den Sorgen u. der Not der letzten Monate, aber trotzdem verlor ich mein Gottvertrauen u. meinen Mut nicht, und hatte mich noch nie in meinem Leben so glücklich u. zufrieden gefühlt wie in diesen letzten Monaten, und noch nie in meinem kathol. Leben habe ich so sehr den Segen, die Kraft u. Gnade die vom Heiligsten Altarssakramente ausgeht so empfunden, wie jetzt. O Gott ist die Güte, ist die Liebe! Und Mutter der Liebe, Königin der Liebe, ist unsere Heiligste Mutter Maria. Wenn wir die Lauretanische Litanei in der Kirche beten oder ich allein, füge ich leise hinzu: "Königin der Liebe, bitte für uns," und Heiliger Vater, dabei denke ich mir: wenn sie, die Mutter u. Königin der Liebe für uns bittet, so muß doch endlich wieder die Stunde kommen, daß Liebe, Friede, Freude u. Einigkeit unter den Menschen herrscht. –
Heiliger Vater, ich habe gestern den dritten Teil der großmütigen Spende Euerer Heiligkeit an meinen Bruder und meine Schwester, die in München
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leben, überweisen lassen, denn auch sie haben mit großer Not und Sorgen zu kämpfen, nur wäre es selbstsüchtig von mir, wollte ich alles für mich behalten und meine Nächsten so große Not leiden lassen. Meinem lb. Bruder, den seinerzeit meine Aufnahme in die hl kath. Kirche so sehr kränkte, habe ich dazu geschrieben: "So hat uns der Heilige Vater geholfen, Wolfgang, nun siehst Du, daß kein Fluch, sondern Segen auf euch Lieben ruht, durch den Schritt, den ich vor Jahren getan." – Der Bankdirektor meinte es dürfte gut sein meine Schwester telefonisch zu benachrichtigen u. als ich es tat antwortete sie mir mit Thränen erstickter Stimme: "O Lallah, dürfen wir es denn von Dir annehmen, Du bist ja selber so arm u. brauchst das Geld so notwendig." Aber ich antwortete ihr, daß ich sicher im Sinne des Heiligen Vaters handle, wenn ich auch ihnen in ihrer gr. Not helfe. O nicht wahr, Heiliger Vater, das durfte ich tun? O Heiliger Vater, Heiliger Vater! Wie glücklich haben Eure
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Heiligkeit mich eben dadurch gemacht, daß ich meinen Lieben helfen konnte und sie nun auch das schöne hochheilige Weihnachtsfest sorgenloser feiern können. –
Heiliger Vater wollen mir gnädigst verzeihen, daß ich Eure Heiligkeit mit einem so langen Schreiben belästige. Da ich auch ein Kind Eurer Heiligkeit bin, habe ich mit Heiligem Vater so kindlich offen gesprochen und mein Herz ausgeschüttet, wie mit dem lieben barmherzigen Vater im Himmel, dem ich ja auch als sein Kind alles anvertrauen darf, und ich weiß unser Heiliger Vater ist ja nicht stolz, trotz der höchsten Würde, und sieht lieb voller Güte herab zu dem ärmsten Hochseiner Kinder. An der Krippe des lb. Jesukindleins will ich von ganzem Herzen beten für meinen größten Wohltäter. O darf ich, darf ich Eure Heiligkeit um den heiligen apostolischen Segen bitten?
In tiefster Unterwürfigkeit
und Ehrfurcht
Eurer Heiligkeit
demütige, gehorsame u. dankbare
Tochter
Lalla h Caroline v. Poellnitz.
101r, hds. oberhalb des Textes von unbekannter Hand mit roter Farbe notiert, vermutlich vom Empfänger: "unire Ringrazia del soccorso avuto".
Empfohlene Zitierweise:
Poellnitz, Lallah Caroline von an PiusXI. vom 21. Dezember 1922 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 6242, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/6242. Letzter Zugriff am: 20.09.2019.
Online seit 31.07.2013