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Dokument-Nr. 779

Müller, HermannBartmann, Bernhard: [Kein Betreff]. Paderborn, 12. April 1921

Abschrift
Dass Natur und Gnade ein Problem bedeuten, weiss jeder Theologe. Und der Fachmann weiss auch, dass noch manches zu seiner Lösung – wenn es eine solche gibt – getan werden muss. Es wird ein Verdienst der Schrift von Rademacher (Der Einheitsgedanke in der Theologie) sein, die Frage wieder neu gestellt zu haben. Auch das Streben nach einem "christlichen Monismus" ist, ganz abgesehen vom pantheistischen Monismus, durchaus lobenswert. Es ist wirklich wenig glücklich, Gott, dass Absolute neben die kontingente Welt zu stellen im Sinne des schlichten Dualismus. Und das gilt auch für Natur und Gnade. Die Scholastiker halfen sich mit der dualistisch und zugleich monistisch klingenden Formel: actus est totus Dei et totus hominis.
Augustinus nennt die conservatio continua creatio. Man kann im Theismus m. E. die Einheit zwischen Gott und Natur nicht enge genug fassen, so etwa wie Sonne und Strahl. Rademacher ringt danach, ein einheitliches Tätigkeitsprinzip aus Gott und Natur zu gewinnen. Er weiss selbst, dass sein Standpunkt neu ist und fühlt auch, wie nahe die Darstellung bisweilen sich in pelagianischen Ausdrücken bewegt Aber er schützt sich gegen den Vorwurf des Pelagianismus dadurch, dass er prinzipiell Gnade und Natur unterscheidet und beide festhält. Freilich lässt er die Gnadenordnung sich in der Naturordnung vollziehen, soweit es sich um die Zuwendung der Gnade handelt bezw. um ihre allmähliche Entbindung im Laufe der Geschichte wie des Einzelle-
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bens. Der Entwicklungsfähigkeit nach – die Scholastik sagt: der Aufnahmefähigkeit nach – liegt sie von Anfang an im Menschen, aber sie wird unter Gottes ständigem Einfluss "mobil", lebendig und wirksam. Rademacher hat es hier, schon zu seinem Schaden, unterlassen, sich auf eine Reihe Väter zu stützen, die er gut hätte verwerten können. Es wäre auch notwendig gewesen, den Bruch der sittlichen Entwicklung durch den Sündenfall (Erbsünde) wenigstens anzudeuten und dann die Wiederherstellung durch das Erlösungswerk Christi, das fürs Christentum doch wesentlich ist, damit in Verbindung zu bringen. Immerhin gibt er eine Hemmung der Entwicklung durch die Sünde zu. Er sagt auch in der Vorrede, dass er vor Christus und seinem Werke halt mache. Es würde freilich besser sein, wenn Rademacher noch hinzufügt, wie er Christus und sein Werk positiv in seine Konstruktion hineinbauen könne, bezw. wie dasselbe zum wirksamen Heilsfaktor werden kann. Damit würde er auch den etwas zackigen Sätzen S. 66-70 die Kanten abschleifen.
Es ist ja leichter ein solches Buch einfach abzulehnen, als positiv zu würdigen. Aber m. E. sollte eine mit so vielen Kautelen versehene Schrift heute nicht zu den Unmöglichkeiten gehören. In unberufene Hände wird sie so wie so ohnehin kaum gelangen; denn ausser Fachtheologen wird sich kaum einer für eine "Methodenlehre der katholischen Theologie" interessieren.
9r
Ich habe vorstehendes Gutachten im Interesse der Freiheit der Wissenschaft niedergeschrieben, nicht als Anhänger von Rademachers christlichem Monismus, den ich nicht teile. Ich meine, eine solche geistliche Bewegungsfreiheit müsse dem Apologeten, der stets von der Natur ausgeht, gestattet werden. Dass ihn Theologen, besonders Thomisten bekämpfen werden, ist mir sicher.
gez. Bartmann
Dem vorstehenden Gutachten schliesse ich mich an.
gez. Müller
8r, oberhalb der Datumszeile hds. von unbekannter Hand, vermutlich von einem Mitarbeiter des Heiligen Offiziums, notiert: "S.O. 829/1924 reg. 11 Luglio 1924".
Empfohlene Zitierweise:
Müller, Hermann, [Kein Betreff], Paderborn vom 12. April 1921 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 779, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/779. Letzter Zugriff am: 31.10.2020.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 15.12.2015