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Dokument-Nr. 7997
Brunner, Dominikus an Bischöfliches Ordinariat Budweis
Winterberg, 15. Juni 1921

Abschrift
Am 8. Feber 1921.
An das hochwürdigste bischöfliche Ordinariat Budweis!
Als Seelsorger von Winterberg sehe ich mich veranlasst im Verein mit der übrigen Geistlichkeit gegen den Herrn Kaplan Franz Pernegr in Winterberg Klage zu erheben.
Franz Pernegr arbeitet offenkundig für die tschechoslovakische Sekte und untergräbt zweifellos jede, besonders die kirchliche Autorität. Zum Beweis dafür diene folgendes:
1. Am 2. Adventsonntage 1920 wurde beim Gottesdienst für die tschechischen Gläubigen, den der erw. Herr Kaplan abgehalten hat, das Husslied gesungen (Ein Exemplar davon liegt bei). Dieses Lied wurde von Kaplan Pernegr mit einigen Kindern und Damen eingeübt. Das Absingen wurde von Pernegr eingestanden.
2. Am gleichen Tage hat er – nach seinem eigenen Geständnisse – Johannes Huss mit Johann dem Täufer verglichen und Huss offen als ein Opfer der christl. Liebe hingestellt. Dieses sprach Pernegr von der Kanzel herab.
3. Von da an hat Pernegr in seinen Predigten skandalös die hl. röm. kath. Kirche und ihre Autorität angegriffen und zwar öffentlich im Gottehaus; Z. B.: a.) gegen den hl. Vater: Er nannte denselben: Svetsky buzek d. h. weltli- Götze [sic] wobei er betonte, dasz der hl. Vater auch zu Fusz gehen könne, anstatt sich auf einem Thronsessel tragen zu lassen.
b.) gegen die Kardinäle: Dasz man denselben dieselbe zeremonielle Kniebeugung machen müsse, wie dem Sanctissimum, das jedesmal entfernt werde, sobald sie ein Hochamt halten. Dies alles sagte er in seinen Predigten dem Volke ohne jede weitere Erklärung mit einer gewissen Ironie und Spott in der Sprache.
c.) gegen die Bischöfe und Erzbischöfe: Dasz Kardinal Skrbensky nur wegen des Geldes nach Olmütz ging; während der arme niedere Klerus Not leiden müsse, ersticken die Erzbischöfe im Fette ihrer Pfründe. Gegen den seligen Bischof Hulka von Budweis: "Ich habe den Segen des Bischofs Hulka schnöde abgewiesen."
4. In der deutschen Predigt die H. Kaplan Pernegr am 1. Sonntage nach der Erscheinung des Herrn hielt (1921) äusserte er seinen Hasz gegen Rom dermassen,
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dasz er behauptete: "Arme können nicht heilig gesprochen werden, nur Reiche, weil die Heiligsprechung viel Geld 25.000 Lire koste. Darüber herrschte eine solch grosse Aufregung in meiner Pfarrgemeinde – die Leute sagten offen, Kaplan Pernegr musz es wissen, er hat ja in Rom studiert – dasz ich eine eigene Predigt über die Art der Heiligsprechung durch Kaplan Paukner halten lassen muszte, um diese ungerechtfertigten Angriffe eines Priesters gegen die hl. röm. kath. Kirche zu widerlegen.
5. Obwohl ich den Herrn Kaplan Pernegr ermahnte, väterlich und liebevoll des öfteren zu ihm sprach, ihm mit aller Strenge eine derartige Predigtweise verbot, ihm befahl nur das Wort Gottes den Gläubigen zu verkünden, zog er in seiner am Sonntage Sexagesimä 1921 in der Dekanalkirche gehaltenen Predigt gegen jede Autorität los und betrieb in einer nicht wiederzugebenden Weise Klassen- u. Ständeverhetzung.
6. In einer seiner letzten im tschechischen Gottesdienste gehaltenen Predigten legte er seinen Zuhörern die Punkte der "Jednota" aus: über Kirchenvermögen, Revision des Hussprozesses, besonders aber die Aufhebung des Cölibates. Z. B. behauptete er: Das Kirchenvermögen gehöre nicht der Kirche, sondern dem Volke, den Armen, wie z. B. der Messkelch, wohl anspielend an die Szene aus dem Leben des hl. Laurentius, aber die damaligen Verhältnisse und die jetzigen den Leuten nicht erklärend. (Die Folge davon ist, dasz Pächter von Kirchengrundstücken – aus deren Erträgnis die Erfordernisse des Gottesdienstes sowie Reparaturen der Kirche gedeckt werden, wie es die Meinung der Stifter in der Fundation ist, jetzt diese Kirchengrundstücke sich stützend auf ein Gesetz der tschechosl. Regierung vom Jahre 1919 diese Kirchengrundstücke nur um einen sehr geringen Preis zwangsweise durch die staatl. Behörden der Kirche Winterberg zum grossen Schaden der Dekanalkirche Winterberg in ihr Eigentum einlösen lassen wolle. Bezügl. Huss sagte er: Die Jungfrau von Orleans war auch eine Ketzerin und ist als solche verbrannt worden und wurde jetzt heilig gesprochen, so musz auch Huss noch heilig gesprochen werden, denn die Wahrheit werde siegen.
Bezüglich des Priestercölibates sprach Pernegr besonders ausführlich in zwei eigenen Predigten gegen den Cölibat selbst im Beisein von Schulkindern in derartiger Weise, dasz sich anwesende Frauen und Mütter über diese Worte entsetzten. Unter anderem betonte er,
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dasz ein Kardinal Kolonna die päpstliche Erlaubnis erhielt, seine Nichte und Cousine zu heiraten, während ein armer Priester namens Pokorny die Erlaubnis nicht erhielt zu heiraten und so seinen leiblichen Kindern seinen väterlichen Namen nicht geben durfte.
Ferner sagte er von der Kanzel, dasz der Cölibat nach dem Ausspruch eines gewissen Arztes Dr. Kettner-Prag gesundheitsschädlich sei. In der Predigt stellte sich Pernegr seinen Zuhörern als der Verfasser jenes berühmten Memorandums der Jednota vor in welchem jene unqualifizierbaren Reformen gefordert werden. Daran knüpfte er die Behauptung, dasz der tschechische Klerus von Rom unterdrückt werde, da diese Forderungen nicht bewilligt worden seien.
Eigenmächtig liest Pernegr an den Sonntagen andere Evangelienperikopen vor als vorgeschrieben ist. So z. B. las er am Sonntage Septuagesimä an welchem er über den Cölibat predigte das Evangelium von den Pharisäern vor damit wohl eine Anspielung versuchend.
Am Sonntage Quinquagesimä las er das Evangelium vom Verräter Judas vor und knüpfte daran eine Predigt über nationalen Verrat, wobei er auf die am 15. Feber 1921 stattfindende Volkszählung anspielte. In derselben Predigt in welcher er auch über die Volkszählung sprach und in welcher er auch die Gläubigen auf den nationalen Verrat hinwies, den sie begehen würden, wenn sie sich nicht bei der Volkszählung nicht als Tschechoslovaken einschreiben würden, äuszerte er sich aber betr. des Bekenntnisses zur Religion in den Volkszählungsbögen: Was das Religionsbekenntnis bei der Volkszählung bereffe, überlasse er es einem jeden, sich zur römisch katholischen oder anderen Kirche zu bekennen. In einer anderen Predigt verhöhnte er jene Katholiken und katholischen Vereine, die sich über seine Predigtweise bei den kirchl. Oberbehörden über ihn beschweren, indem er höhnisch erwähnte, es haben ihn angeklagt die Jungfrauenkongregation, der Piusverein, der katholische Gesellenverein u. s. w. wobei er betonte, dasz sich seine Ankläger vor dem öffentlichen Forum verantworten müssen.
Ich Endesgefertigter habe darauf dem H. Kaplan Pernegr die deutschen Predigten in der Dekanalkirche verboten, die tschechischen Predigten zu verbieten, habe ich nicht das Recht, weil er vom hochwürdigsten bischöflichen Konsistorium zu Budweis speziell mit der Aufgabe betraut wurde, den tschechischen Gottesdienst in Winterberg zu halten, und bis jetzt trotz vieler Beschwerden auch von Seite tschechischer Katholiken dieser Aufgabe nicht entbunden wurde.
Winterberg, am 8./2. 1921 Dom. Brunner m. p.
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Ich habe das Original dieser Anklage am 8. Feber 1921 persönlich dem hochwürdisten Konsistorium ad manus des hochwürdigsten Herrn Generalvikars Domdechant Brenner überreicht, und erlaube mir zu bemerken, dasz Pernegr ein Opfer der national chauvinistischen Gymnasialerziehung ist, ein Opfer jenes Hypernationalismus, der wie ein Krebsübel selbst das Haus des Herrn und seiner Diener der katholischen Priester Herzen derart verseucht hat, dasz selbst vielen katholischen Priestern des tschechischen Volkes, sogar auch Priestern höheren Ranges zuerst alles der nationale Chauvinismus und dann erst die Interessen der Kirche etwas gelten.
Diese furchtbare Irrlehre des übertriebenen unchristlichen Nationalismus, der von den Herzen vieler tschechischer Priester ausschlieszlicher Besitz ergriffen1 – weil sie dazu systematisch in den Gymnasien durch ungläubige chauvinistische im Dienste der Freimaurerei2 stehende Lehrer und Professoren erzogen wurden, lässt selbst Priester, wie denn erst katholische Laien, ja auch die katholische tschechische Presse jedes Gefühl für Gerechtigkeit jeden Gedanken, dasz wir Brüder in Christus sind, Kinder eines himmlischen Vaters, durch Christus Erlöste sind, der für alle in gleicher Liebe gestorben ist, vergessen und ist auch eine Mitursache warum sich in Böhmen die Katholiken beider Nationen nicht finden können zur gemeinsamen Abwehr aller Angriffe der Feinde der katholischen Kirche.3 Ich erlaube mir zu bemerken, dasz bis heute auf die obige Anklage von Seite des hochwürdigsten Konsistoriums mir keine Antwort4 zuteil wurde, was ich mir nur dadurch erklären kann, dasz man wahrscheinlich H. Pernegr auf gütliche Weise zu bessern sucht.
Dekanalamt Winterberg, am 15./6. 1921
Budweiser Diözese.
Brunner
Dominikus Brunner m. p.
Dechant.
1Textpassage "ein Opfer jenes […] Besitz ergriffen" hds. am linken Seitenrand angestrichen, vermutlich vom Empfänger und hds. vermerkt: "Sic!!".
2"im Dienste der Freimaurerei" hds. von unbekannter Hand unterstrichen, vermutlich vom Empfänger.
3Textpassage "gleicher Liebe […] katholischen Kirche" hds. am linken Seitenrand angestrichen, vermutlich vom Empfänger und hds. vermerkt: "Ergo separatio plebis Teutonici idiomatis et sacerdotum Cechici idiomatis!".
4"mir keine Antwort" hds. von unbekannter Hand unterstrichen, vermutlich vom Empfänger.
Empfohlene Zitierweise:
Brunner, Dominikus an Bischöfliches Ordinariat Budweis vom 15. Juni 1921 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 7997, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/7997. Letzter Zugriff am: 10.12.2019.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 15.07.2013