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Generalversammlung der deutschen Katholiken (Katholikentag) 1922 in München

Auf dem Münchener Katholikentag vom 27. bis 30. August 1922 wurden die politischen Divergenzen innerhalb des deutschen Katholizismus augenscheinlich.
Der Münchener Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber schwor die Zuhörer in seiner Eröffnungsansprache darauf ein, was es bedeute, Katholik zu sein. Dabei kam er auch auf die politischen Umstände zu sprechen und führte aus: "Kompromisse sind unvermeidlich zum Ausgleich der Gegensätze und Interessen. Ueber allen Kompromissen aber stehen wie die ewigen Sterne die Grundsätze, und es kann eine Grenze kommen, wo es heißt: Bis hierher und nicht weiter! Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet. Auch wenn der Umsturz ein paar Erfolge brachte, wenn er den Bekennern des katholischen Glaubens den Weg zu den höheren Aemtern weit mehr als früher erschloß, – ein sittlicher Charakter wertet nicht nach den Erfolgen, eine Untat darf der Erfolge wegen nicht heilig gesprochen werden." (Faulhaber, S. 4) Doch Faulhaber bezeichnete nicht nur die Revolution als Meineid und Hochverrat, er brachte auch die Weimarer Reichsverfassung, wenn auch nur implizit, in Verbindung mit diesen Vorwürfen: "Wehe dem Staate, der seine Rechtsordnung und Gesetzgebung nicht auf den Boden der zehn Gebote Gottes stellt, der eine Verfassung schafft ohne den Namen Gottes […]. Wo die Gesetze eines Staates mit den Geboten Gottes in Widerspruch stehen, da gilt der Satz: Gottesrecht bricht Staatsrecht." (Faulhaber, S. 3)
Der Kölner Oberbürgermeister und Präsident des Katholikentages Konrad Adenauer erwiderte in seiner Schlussansprache am 30. August auf die Worte Faulhabers, dass "hie und da Aeußerungen gefallen [seien], die man sich aus Verhältnissen örtlicher Natur erklären kann, hinter denen aber die Gesamtheit der deutschen Katholiken nicht steht. Unsere Einigkeit in der Einschätzung und Bewertung mancher Dinge leidet unter der Verschiedenheit unserer Beurteilung der gegenwärtigen staatlichen Verhältnisse. […] Ich erblicke in dieser Verschiedenheit der Beurteilung eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Aktionsfähigkeit der deutschen Katholiken […]. Manche katholischen Kreise müssen ihr Gefühl etwas zurücktreten lassen. […] Nötig ist auch die kühle und klare Erkenntnis der Dinge und der Möglichkeiten. Es verrät Mangel an historischem Blick, die heutige Verfassung verantwortlich zu machen für die heutigen Zustände." (Adenauer, S. 204 f.) Indem er auf den "kristallklaren Vortrag" des Moraltheologen und Zentrumspolitikers Joseph Mausbachs verwies, der die Kirchenartikel der Weimarer Reichsverfassung maßgeblich beeinflusst hatte, stellte sich Adenauer unmissverständlich auf die Seite der "Vernunftrepublikaner", die die Weimarer Reichsverfassung ohne Gottesbezug und die Republik befürworteten.
Eugenio Pacelli hielt eine Ansprache am Begrüßungsabend, in der er die "besondere Bande, die mich in den nun mehr als fünf Jahren meiner hiesigen Tätigkeit mit dem katholischen München verknüpft haben" erwähnte. Zudem wollte er seine Anwesenheit als öffentliche Bekundung verstanden wissen, "mit welch tätigem Interesse der heilige Vater diese glänzende Tagung begleitet, welche Bedeutung er Ihren Beratungen und Entschließungen beimißt." (Ansprache Pacelli, S. 11)
Analyse
Obwohl Pacelli auf dem Katholikentag in München anwesend war und die Auseinandersetzung zwischen Faulhaber und Adenauer direkt miterlebte, berichtete er darüber nicht nach Rom. Er wollte es offenbar vermeiden, in dieser Auseinandersetzung Stellung zu beziehen. Pius XI. verfolgte jedoch die ausführliche Berichterstattung im Osservatore Romano und trug Pacelli über den Substituten im Staatssekretariat, Giuseppe Pizzardo, auf, Faulhaber zu dessen Rede zu gratulieren (Dokument Nr. 5536). Damit stellte sich der Papst ausdrücklich auf die Seite Faulhabers und der traditionellen Staatsrechtslehre Leos XIII., die zwar auch andere Staatsformen akzeptierte, wenn sie transzendental begründet waren, aber die Monarchie favorisierte.
Quellen
Ansprache. Nuntius Pacelli, in: Die Reden gehalten in den öffentlichen und geschlossenen Versammlungen der 62. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands zu München. 27. bis 30. August 1922, Würzburg 1923, S. 11 f.
Pizzardo an Pacelli vom 11. September 1922; Dokument Nr. 5536.
Il 62° congresso del cattolici tedeschi a Monaco, in: L'Osservatore Romano Nr. 206 vom 3. September 1922, S. 1, 3
Il 62° congresso del cattolici tedeschi a Monaco, in: L'Osservatore Romano Nr. 207 vom 3. September 1922, S. 1.
Il 62° congresso del cattolici tedeschi a Monaco, in: L'Osservatore Romano Nr. 208 vom 4.-5. September 1922, S. 1.
Il 62° congresso del cattolici tedeschi a Monaco, in: L'Osservatore Romano Nr. 210 vom 7. September 1922, S. 1.
Il 62° congresso del cattolici tedeschi a Monaco, in: L'Osservatore Romano Nr. 211 vom 8. September 1922, S. 1.
Literatur
ARNING, Holger / WOLF, Hubert, Hundert Katholikentage. Von Mainz 1848 bis Leipzig 2016, Darmstadt 2016, S. 146 f.
Die Reden gehalten in den öffentlichen und geschlossenen Versammlungen der 62. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands zu München. 27. bis 30. August 1922, Würzburg 1923.
GROSSMANN, Thomas, Katholikentage, in: Lexikon für Theologie und Kirche3 5 (1996), Sp. 1339-1345.
HUMMEL, Karl-Joseph, Katholikentage in Bayern, in: Historisches Lexikon Bayerns, in:www.historisches-lexikon-bayerns.de (Letzter Zugriff am: 01.02.2016).
REYTIER, Marie-Emmanuelle, "Frankreich irrt". Die deutschen Katholikentage 1921 und 1922 als politische Tribüne gegen die Politik Frankreichs, in: Historisches Jahrbuch 127 (2007), S. 331-352.
REYTIER, Marie-Emmanuelle, Les Katholikentage dans l'entre-deux-guerres, in: 14-18. Aujourd'hui, Today, Heute. Pour une histoire religieuse de la guerre 1,1 (1998) S. 71-85.
STEHKÄMPER, Hugo, Konrad Adenauer als Katholikentagspräsident 1922. Formen und Grenzen politischer Entscheidungsfreiheit im katholischen Raum (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 21), Mainz 1977.
WOLF, Hubert, Mit diplomatischem Geschick und priesterlicher Frömmigkeit. Nuntius Eugenio Pacelli als politischer Kleriker, in: Historisches Jahrbuch 132 (2012), S. 92-109.
Empfohlene Zitierweise
Generalversammlung der deutschen Katholiken (Katholikentag) 1922 in München, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 11008, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/11008. Letzter Zugriff am: 16.12.2019.
Online seit 30.10.2012, letzte Änderung am 26.06.2019
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