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Übergabe der den Vatikan betreffenden Akten Matthias Erzbergers an das Münchener Nuntiaturarchiv

Ein Nuntiaturbericht Pacellis vom 10. Oktober 1921 konnte in den Beständen der vatikanischen Archive nicht nachgewiesen werden. Aus dem Betreff und dem Ablageort der Weisung im Nuntiaturarchiv Pacellis können jedoch Rückschlüsse auf den Inhalt gezogen werden.
Nach der Ermordung Matthias Erzbergers am 26. August 1921 nahm Pacelli, vermittelt durch Hubert Bastgen, Kontakt zur Witwe Paula Erzberger auf, um die Übergabe von sensiblen Dokumenten Erzbergers, beispielsweise über die Päpstliche Friedensinitiative von 1917, an die Nuntiatur zu erreichen. Hintergrund war die Befürchtung, diese Dokumente könnten an die Öffentlichkeit gelangen, wie es bereits durch Erzberger selbst geschehen war.
Bastgen teilte am 9. September mit, dass er den Religionslehrer in Friedrichshafen, Dr. Josef Hammer, einen "Hausfreund" der Familie, bereits als Berater der Witwe Erzberger vorgefunden habe. Dieser sei zwar ein "guter Mensch", doch "geistig gar nicht in der Lage", den Wert der Akten Erzbergers abzuschätzen. Er "wird gar nicht unterscheiden können, was dabei Gold und Sand ist." Hammer gefalle "sich aber allzu sehr in der Rolle" als Berater und widersetze sich den Wünschen des Nuntius. "Er hat Frau E. darin bestärkt, alles für sich zu behalten und, wie mir scheint, mit Mißtrauen erfüllt gegen irgendwelche Herausgabe." Aus diesem Grund sei aber auch nicht zu befürchten, dass die Akten an andere Stelle gingen.
Hammer werde seine Religionslehrerstelle wegen eines Augenleidens bald niederlegen, was er zum 1. April 1922 tat, und eine Pfarrei übernehmen. Tatsächlich wurde Hammer am 31. Oktober 1921 Pfarrverweser und am 9. September 1923 Pfarrer in Willerazhofen. Sämtliche Akten sollten in seinem Pfarrhaus lagern. Bastgen beabsichtigte bei nächster Gelegenheit mit Franz Joseph Vogt zu sprechen, und zum Bischof von Rottenburg Paul Wilhelm von Keppler, zu reisen, dem Hammer als Diözesanpriester unterstand, und so Einfluss auf die Angelegenheit zu nehmen. Er werde dem Bischof "ans Herz legen, dass er Hammer bestimmt, die den Vatikan betreffenden Sachen im Nuntiaturarchiv zu hinterlegen. Ich glaube, dass das Erfolg hat. Ich bin, ich versichere, gänzlich in der Angelegenheit ausgeschaltet und muß indirekter Weise alles heraus zu bekommen versuchen, da man weiß, dass ich in Ihrem Sinne handle. Aber ich bin voll Hoffnung, dass Ihr Wunsch erfüllt wird." Er arbeite in dieser Angelegenheit auch mit Franz Semer zusammen, "der ein guter Freund von E. war". Pacelli kannte Semer, da dieser sich um die Bereitstellung einer repräsentativen Residenz für die neue Berliner Nuntiatur bemühte. Aus dem Postscriptum Bastgens wird deutlich, bei welchen Dokumenten Pacelli besonders fürchtete, dass sie in die falschen Hände gelangen könnten: "Eben habe ich mich überzeugt, dass Gerlach-Korresp. hier in einer Mappe ist. Gott sei Dank!" Dabei handelte es sich um Schreiben zwischen Erzberger und dem ehemaligen Vertrauten Benedikts XV., Rudolf Gerlach, der 1917 wegen Spionageverdachts aus Italien ausgewiesen worden war (alle Zitate Bastgen an Pacelli vom 9. September 1921).
Am 29. September konnte Bastgen dem Nuntius dazu gratulieren, dass er seine Wünsche mit Hilfe des treuen Franz Joseph Vogt, der im Sommer 1921 auf Empfehlung Pacellis zum Päpstlichen Geheimkämmerer erhoben worden war, hatte durchsetzen können.
Seine eigene Rolle versuchte Bastgen bescheiden darzustellen, was allerdings misslang: "Io stesso non ho potuto entrare in questo affare che colla mia buona volontà. Ma avevo almeno cosi bene preparato l'intenzione della signora E. e superato gli ostacoli che ho potuto sperare che essa alla fin fine consegnerebbe tutto a Sua Eccellenza. Per essere sicuro avevo scritto da Berlino a Msgr. Vogt, che deve procedere per viam facti et prendere tutti gli atti in casa sua. Ma quando la mia lettera gli veniva, aveva già tutto ordinato secondo i desideri di Vostra Eccellenza. Quello che la Signora ha ancora a Berlino, porterà seco Msgr. Vogt, chi va a Berlino fra poco." (Bastgen an Pacelli vom 29. September 1921).
So konnte Pacelli durch die Vermittlertätigkeit Hubert Bastgens erreichen, dass die den Vatikan betreffenden Akten Mathias Erzbergers in das Münchener Nuntiaturarchiv (Arch. Nunz. Monaco 408 und 409) eingegliedert wurden und heute im Vatikanischen Geheimarchiv einsehbar sind.
Quellen
ASV, Arch. Nunz. Monaco 408 und 409.
Bastgen an Pacelli vom 9. September 1921, in: ASV, Arch. Nunz. Monaco 328, fasc. 1, fol. 144r-145v.
Bastgen an Pacelli vom 29. September 1921, in: ASV, Arch. Nunz. Monaco 328, fasc. 1, fol. 146r-147r.
Literatur
EPSTEIN, Klaus, Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie, Berlin / Frankfurt am Main 1962, S. 488 f.
GREIPL, Egon Johannes, Das Archiv der Münchener Nuntiatur in der Zeit von 1904 bis 1934, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 66 (1986), S. 402-406, hier 405.
Empfohlene Zitierweise
Übergabe der den Vatikan betreffenden Akten Matthias Erzbergers an das Münchener Nuntiaturarchiv, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 13056, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/13056. Letzter Zugriff am: 15.11.2019.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 10.03.2014
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