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Spaltungen der russisch-orthodoxen Kirche in der Sowjetunion

Die Spaltungen der russisch-orthodoxen Kirche (ROK) nach der Landessynode von 1917 entstanden aus dem Gegensatz zwischen dem Weltklerus und der monastisch geprägten Hierarchie heraus. Sie wurden von Seiten der Bolschewisten benutzt, um die Kirche als Ganze zu Schwächen. Die wichtigsten Gruppen der sogenannten "Erneuerer" waren ab 1922 die "Lebendige Kirche", die "Kirche der Wiedergeburt" sowie die "Vereinigung der Gemeinden der ersten apostolischen Zeit". Anlass für die Spaltung war der Protest des Patriarchen Tichon (Bellavin) gegen die Konfiszierung von Kultgeräten für die Bekämpfung der Hungersnot 1921/1922.
1923 trat ein "Synod der Erneuerer" zusammen, der den zu diesem Zeitpunkt inhaftierten Patriarchen absetzte. Dieser "Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche in der UdSSR" verstand sich fortan als oberstes Gremium der ROK. Innerhalb der Orthodoxie war sein größter Erfolg die Anerkennung durch den Ökumenischen Patriarchen im Jahr 1924. Diese hatte jedoch keine theologischen, als vielmehr eindeutig politische Gründe, da die "Lebendige Kirche" dem Patriarchen kurz zuvor, als dieser politisch verfolgt wurde, Asyl gewährt hatte.
Die "Lebendige Kirche" war die stärkste Gruppe der Erneuerer. Sie grenzte sich begrifflich von der vermeintlich "toten" Kirche des Patriarchen ab. Aufgrund der zeitweise massiven Unterstützung durch die Bolschewisten wurde sie auch "Rote Kirche" genannt. Der Name "Synodalkirche" (z. B. im Dokument Nr. 2312) unterstreicht die (erneute) Abschaffung des Patriarchats. Daneben betonte der Name "Kirche der Erneuerung" die angestrebten Reformen. Sie forderte 1. die Möglichkeit der Heirat für Priester nach der Weihe und damit 2. auch der Wiederheirat von Priestern nach der Weihe, 3. die Heirat von Bischöfen sowie 4. die Einführung des Russischen als Liturgiesprache.
Obwohl die Bezeichnungen zum Teil synonym für die Gruppe der "Lebendigen Kirche", den "Heiligen Synod" und die ROK verwendet wurden, bleibt festzuhalten, dass die ROK als Ganzes sowie die Einstellungen der Bischöfe in den 1920er Jahren sehr heterogen waren. So blieben die kirchenrechtliche Legitimität des "Heiligen Synods" wie die Absetzung Patriarch Tichons umstritten, da beides nicht mit den Beschlüssen des Landeskonzils von 1917/1918 in Einklang stand. Auch schaffte die Lebendige Kirche es nie, das breite Kirchenvolk hinter sich bringen, weswegen ihr ab 1925 von Seiten der Bolschewisten die Unterstützung entzogen wurde, da sie sich nicht länger als Mittel zur Zerschlagung der Kirche zu eignen schien.
Daneben spalteten sich u. a. 1922 in der Ukraine eine autokephale, von Moskau unabhängig orthodoxe Kirche ab, sowie 1926 Erzbischof Gregorij mit seinen Anhängern. Die Zerwürfnisse innerhalb der ROK beeinflussten auch die russisch-orthodoxe Kirche im Ausland, in der es ebenfalls zu Kompetenzstreitigkeiten kam.
Literatur
ALGERMISSEN, Konrad, Lebende Kirche, in: Lexikon für Theologie und Kirche 6 (1934), Sp. 438 f.
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Russisch-orthodoxe Kirche; Schlagwort Nr. 18104.
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TRUBETZKOY, Gregor, Das Schisma in Sowjetrussland, in: Internationale Kirchliche Zeitschrift 17 (1927), S. 11-27, 65-82.
Empfohlene Zitierweise
Spaltungen der russisch-orthodoxen Kirche in der Sowjetunion, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 1603, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/1603. Letzter Zugriff am: 31.10.2020.
Online seit 29.01.2018
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