Flämische Frage

Die sogenannte Flämische Frage gewann in Belgien im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung. Ihre Ursachen liegen in der ursprünglich sehr starken Zentralisierung des seit 1830 unabhängigen Staates und der kulturellen Dominanz der frankophonen Eliten gegenüber der flämischsprachigen Bevölkerungsmehrheit. Diese gründete sich anfangs auf dem Umstand, dass das Flämische (das belgische Niederländisch) keine durchgeformte Literatursprache war. Der Konflikt überlagerte und durchdrang in den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg andere innenpolitische Probleme im Bereich des Schulwesens, der Sozialen Frage und der Verfassungsreform.
Die Ursprünge der flämischen Bewegung lagen in der Romantik. Mitte des 19. Jahrhunderts begann sie sich zu politisieren. Ihre Vertreter forderten die Einführung des Flämischen als Unterrichtssprache an Grund- und Oberschulen, die Errichtung von Niederländischlehrstühlen an den staatlichen Universitäten und den Gebrauch des Flämischen als Gerichts- und Amtssprache im entsprechenden Sprachgebiet. In den 1870er und 1880er Jahren erzielte die Bewegung erste Erfolge, weil die großen politischen Parteien sich auch für die Flamenfrage engagierten. Seit den 1890ern wurden ihre Ziele zugespitzt. Die Bewegung forderte die offizielle Anerkennung des Flämischen als zweite Landessprache, seine Einführung als Unterrichtssprache im Hochschulwesen sowie die "Flamisierung" der staatlichen Universität Gent. Die frankophone Prominenz wandte sich mit dem immer weniger plausiblen Argument der Inferiorität des Flämischen dagegen.
Bis zum Ersten Weltkrieg konnte weder die vollkommene Anerkennung des Flämischen als zweite Amtssprache noch die "Flamisierung" der Universität Gent durchgesetzt werden. Die deutsche Besatzung versuchte bald durch eine betont proflämische Politik, Sympathien bei zumindest diesem Teil der belgischen Bevölkerung zu gewinnen. 1916 wurde die Universität Gent "flamisiert", 1917 Belgien in eine wallonische und eine flämische Verwaltungseinheit geteilt. Zugleich konstituierten flämische Aktivisten einen Rat von Flandern, der sich zunehmend radikalisierte. Ende 1917 erklärte er die Selbstständigkeit Flanderns, verlor aber schließlich fast jeden Rückhalt in der Bevölkerung.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der sich nun auch politisch organisierende flämische Nationalismus ein ernsthafterer Faktor im öffentlichen Leben. Er war durch die Kollaboration zwar kompromittiert, aber die scharfe Reaktion der Regierung nach Kriegsende kam ihm entgegen (harte Urteile gegen Aktivisten, Re-Französisierung der Universität Gent). Maßgeblich getragen von Veteranen und unterstützt von der Katholischen Partei konnte er in den 1930er Jahren die Erfüllung wesentlicher Forderungen durchsetzen. Die beiden Landessprachen wurden gleichgestellt, die Universität Gent erneut "flamisiert". Der Konflikt brach unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg erneut aus und ist noch heute von Bedeutung.
Literatur
ERBE, Michael, Belgien. Niederlande. Luxemburg. Geschichte des niederländischen Raumes, Stuttgart / Berlin / Köln 1993, S. 236-240, 278-282, 285-289.
Empfohlene Zitierweise
Flämische Frage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 1636, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/1636. Letzter Zugriff am: 26.06.2022.
Online seit 24.06.2016, letzte Änderung am 23.02.2017.
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