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Römische Frage

Als "Römische Frage" wird der Konflikt zwischen dem Heiligen Stuhl und dem italienischen Nationalstaat über den staatsrechtlichen Status des Heiligen Stuhls auf der einen sowie der Stadt Rom als Hauptstadt Italiens auf der anderen Seite zwischen 1861 und 1929 bezeichnet.
1860 musste der Kirchenstaat die Romagna, die Marken und Umbrien nach verschiedenen revolutionären Unruhen an das Königreich Sardinien, den Vorreiter der italienischen Einigungsbewegung im Risorgimento, abtreten. 1861 wurde Rom zur Hauptstadt des neu entstandenen italienischen Königreiches erklärt. Pius IX. protestierte wiederholt heftig, versuchte andererseits aber einen modus vivendi mit der italienischen Regierung zu finden.
Am 19. Juli 1870 brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Frankreich zog daraufhin seine für den Papst und den Kirchenstaat bereitgestellten Schutztruppen ab und italienische Verbände eroberten ab dem 11. September 1870 die Gebiete des noch bestehenden Kirchenstaats (Lazium mit Rom). Am 20. September 1870 wurde Rom eingenommen und der Kirchenstaat wurde in den italienischen Nationalstaat integriert. Damit stellte sich nachdrücklich die Frage nach dem Status Roms als italienischer Hauptstadt sowie die nach dem staatsrechtlichen Status des Vatikans als Machtzentrum der Katholischen Kirche.
Die italienischen Garantiegesetze, welche dem Papst die Hoheit über den Vatikan, den Lateran sowie über die Sommerresidenz Castel Gandolfo zusicherten, lehnte Pius IX. mit der Enzyklika "Ubi nos" vom 15. Mai 1871 entschieden ab. Pius IX. bestand weiterhin auf der Notwendigkeit eines Kirchenstaates und betrachtete sich selbst als "Gefangenen im Vatikan". Er exkommunizierte alle "Räuber" des Kirchenstaates und ließ sämtliche Beziehungen der Römischen Kurie zum italienischen Königshaus abbrechen. Mit Rücksicht auf das Ausland hielt sich der italienische Staat freiwillig und einseitig an die Garantiegesetze.
Nachdem die Lage unter Leo XIII. vor allem wegen der feindseligen Haltung der italienischen Regierung unverändert blieb, begann sie sich langsam unter Pius X. zu entspannen – so nahm er beispielsweise 1913 einen Dialog mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giovanni Giolitti auf. Pius XI. und Benito Mussolini gelang schließlich mit dem Abschluss der Lateranverträge am 11. Dezember 1929 die Klärung der "Römischen Frage". Sie bestanden aus einem Staatsvertrag, der unter anderem die Vatikanstadt als Staat begründete und die Souveränität des Heiligen Stuhles auf internationalem Gebiet anerkannte, einem Konkordat zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl sowie einem Finanzabkommen, welches für den Heiligen Stuhl eine Entschädigung für den Verlust des Kirchenstaates vorsah.
Quellen
Die Lateran-Verträge zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien vom 11. Februar 1929. Italienischer und deutscher Text. Autorisierte Ausgabe mit einer Einleitung des Päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli in Berlin, Freiburg im Breisgau 1929.
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Literatur
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Empfohlene Zitierweise
Römische Frage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 18064, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/18064. Letzter Zugriff am: 07.12.2019.
Online seit 24.03.2010, letzte Änderung am 25.02.2019
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