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Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

Seit dem Austritt der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) 1917 nannte sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD). Die MSPD setzte sich am 9. November 1918 trotz heftiger innerparteilicher Konflikte an die Spitze der Revolution im Deutschen Reich, die nicht von ihr ausgelöst worden war. Durch ihr Engagement versuchte sie, die Ordnung wiederherzustellen. Philipp Scheidemann rief die Deutsche Republik aus und Friedrich Ebert wurde Reichskanzler. Zusammen mit der USPD bildete die MSPD den Rat der Volksbeauftragten als provisorische Regierung und bereitete die Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung vor.
Die Rolle der MSPD in der Novemberrevolution wird in der Forschung kritisch gesehen. Gemessen an den programmatischen Zielsetzungen der Partei sowie an den, wenn auch beschränkten, aber dennoch vorhandenen Möglichkeiten, sind die von der MSPD in der Revolution erreichten Ergebnisse als gering einzuschätzen. Lediglich in der Kulturpolitik konnte sie Teile ihres Programms in Bezug auf die Trennung von Kirche und Staat durchsetzen.
Bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 konnte die MSPD mit 37,9 Prozent die meisten Stimmen auf sich vereinen. Sie schloss sich mit der Deutschen Zentrumspartei (Z) und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zur Weimarer Koalition zusammen. Philipp Scheidemann löste Friedrich Ebert als Reichskanzler ab, der zum ersten Reichspräsidenten ernannt wurde. Die Koalition zerbrach jedoch nach den Juniwahlen 1920, bei denen die MSPD sehr viele Wähler an die USPD verlor, die mit 17,9 Prozent einen Stimmenzuwachs von über 10 Prozent erlangte. Die MSPD blieb mit 21,7 Prozent stärkste Partei, ging allerdings in die Opposition.
Von Mai 1921 bis November 1922 trat die MSPD erneut in ein Bündnis der Weimarer Koalitionsparteien unter Joseph Wirth (Z) ein. Von August bis November 1923 beteiligte sie sich an der Koalition von Deutscher Volkspartei (DVP), DDP und Deutscher Zentrumspartei (Z) unter Gustav Stresemann (DVP).
Nach dem Anschluss des linken Flügels der USPD an die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) näherte sich die Rest-USPD seit Dezember 1920 der MSPD an, was schließlich zum Zusammenschluss zur Vereinigten Sozialdemokratische Partei Deutschlands (VSPD) im Dezember 1922 führte. 1924 wurde der alte Parteiname SPD wieder eingeführt.
Nach dem enttäuschenden Ergebnis von 20,5 Prozent der Stimmen bei den Maiwahlen 1924 konnte sich die SPD bei den Dezemberwahlen desselben Jahres auf 26,0 Prozent steigern. Dennoch blieb die Partei in der Opposition. Die Wiederaufnahme eines Teils der USPD und die Konsolidierung der Wirtschaft führte zu einer Stärkung der SPD Mitte der 1920er Jahre. Mit 29,8 Prozent der Stimmen bei den Reichstagswahlen 1928 konnte sie ihr Ergebnis erneut steigern und übernahm auch wieder Regierungsverantwortung. Die SPD stellte in der Großen Koalition mit der DDP, der Deutschen Zentrumspartei (Z), der Bayerischen Volkspartei (BVP) und der DVP mit Hermann Müller den Reichskanzler. Diesem Kabinett war die längste Lebensdauer in der Weimarer Republik beschieden. Die Große Koalition zerbrach im März 1930 nicht zuletzt an der Wirtschaftskrise.
Die SPD, bis 1932 stärkste politische Kraft, stützte und verteidigte stets die Republik, obwohl sie sich zumeist in der Opposition befand, vom bürgerlichen Lager überwiegend skeptisch betrachtet wurde und sich wegen ihres vermittelnden Kurses zahlreichen Anfeindungen von rechts und links ausgesetzt sah. Die Partei tolerierte das Präsidialkabinett Hermann Brüning (Z), um eine Machtübernahme durch Adolf Hitler und der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands (NSDAP) zu verhindern. Der fortwährende Spagat zwischen pragmatischer Kompromissbereitschaft und staatspolitischer Verantwortung sowie sozialistischer Programmatik führte zu internen Konflikten und starken Schwankungen der Wahlergebnisse bei Reichstagswahlen von rund 40 Prozent 1919 auf unter 20 Prozent 1933. Der SPD gelang es nicht, ihre Anhängerschaft über das sozialdemokratische Milieu hinaus auszudehnen.
Im größten deutschen Bundesstaat Preußen stellte die SPD mit Otto Braun fast ununterbrochen von 1920 bis 1932 den Ministerpräsidenten. Hier konnte sie auch die Weimarer Koalition mit der DDP und der Deutschen Zentrumspartei bis 1932 als "demokratisches Bollwerk" gegen die extreme Linke und die nationalsozialistische Rechte fortsetzen.

Beteiligung an der Reichsregierung 1920-1932:
Kabinett Ministerposten
Scheidemann
(13. Februar 1919 bis 20. Juni 1919)
Justiz (Otto Landsberg), Wirtschaft (Rudolf Wissel), Ernährung (Robert Schmidt), Arbeit (Gustav Bauer), Reichswehr (Gustav Noske)
Bauer
(21. Juni 1919 bis 27. März 1920)
Auswärtiges Amt (Hermann Müller), Inneres (Eduard David), Arbeit (Alexander Schlicke), Wirtschaft (Rudolf Wissel), Ernährung (Robert Schmidt),
Reichswehr (Gustav Noske), Reichsminister ohne Geschäftsbereich (Eduard David)
Müller I
(27. März 1920 bis 21. Juni 1920)
Reichskanzler und Auswärtiges Amt (Hermann Müller), Wirtschaft (Robert Schmidt), Arbeit (Alexander Schlicke), Verkehr, Finanzen (Gustav Bauer)
Wirth I
(10. Mai 1921 bis 25. Oktober 1921):
Vizekanzler und Schatz (Gustav Bauer), Inneres (Georg Gradnauer), Wirtschaft (Robert Schmidt)
Wirth II
(26. Oktober 1921 bis 22. November 1922)
Vizekanzler und Finanzen (Gustav Bauer), Inneres (Adolf Köster), Justiz (Gustav Radbruch),
Wirtschaft (Robert Schmidt)
Stresemann I
(13. August 1923 bis 6. Oktober 1923)
Vizekanzler und Wiederaufbau (Robert Schmidt), Inneres (Wilhelm Sollmann), Finanzen (Rudolf Hilferding), Justiz (Gustav Radbruch)
Stresemann II
(6. Oktober 1923 bis 30. November 1923)
Wiederaufbau (Robert Schmidt), Inneres (Wilhelm Sollmann), Justiz (Gustav Radbruch)
Marx IV
(1. Februar 1927 bis 28. Juni 1928)
Inneres (Carl Severing)
Müller II
(28. Juni 1928 bis 27. März 1930)
Reichskanzler (Hermann Müller), Inneres (Carl Severing), Finanzen (Rudolf Hilferding), Wirtschaft (Robert Schmidt), Arbeit (Rudolf Wissel)
Brüning I
(31.März 1930 bis 9. Oktober 1931)
Besetzte Gebiete (Carl Severing)
Quellen
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Literatur
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Empfohlene Zitierweise
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 19054, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/19054. Letzter Zugriff am: 22.11.2019.
Online seit 02.03.2011, letzte Änderung am 06.05.2019
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