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Inflation in Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei

Die kriegsbedingte Inflation nahm zwischen 1918 und dem Anfang der 1920er Jahre im Deutschen Reich, in Österreich und in Polen einen ähnlichen Verlauf. In der Tschechoslowakei dagegen kam es zu einer Sonderentwicklung. Zur Inflation in Deutschland zwischen 1918 und 1923 beachten Sie bitte das entsprechende Schlagwort.
Auch in Österreich verstärkte sich die kriegsbedingte Inflation seit 1918. Im März 1919 führte die Regierung eine eigene Währung ein, indem sie zunächst die alten österreichischen Kronen abstempelte. Trotz gewisser Erfolge in den Jahren 1919 und 1920, die Inflation zu begrenzen, führte das strukturelle Defizit im Staatbudget dazu, dass sie im Herbst 1921 in eine Hyperinflation überging. Es kam zu einem enormen Anstieg der Staatsschulden, so dass ein Staatsbankrott drohte, der nur noch durch ausländische Hilfe abgewandt werden konnte. Da ein wirtschaftlicher Zusammenbruch Österreichs die Stabilität ganz Mitteleuropas bedrohte, gewährten Großbritannien, Frankreich, Italien und die Tschechoslowakei ihm auf Grundlage der Genfer Protokolle vom 4. Oktober 1922 eine von ihnen garantierte Anleihe in Höhe von 650 Millionen Goldkronen. Die Staatsfinanzen wurden fortan vom Völkerbund kontrolliert. Daneben wurde Österreich ein strenges Sanierungsprogramm auferlegt. Außerdem wurde am 1. Januar 1925 im Zuge einer Währungsreform der Schilling als Zahlungsmittel eingeführt. Zwar gelang es mit diesen Maßnahmen, den Staatshaushalt zu sanieren, jedoch erholte sich die Wirtschaft, insbesondere der Bankensektor, nicht grundlegend.
In Polen wurde die polnische Mark schrittweise als eigene Landeswährung eingeführt. Noch während der junge Staat bis zum Beginn der 1920er Jahre seine Unabhängigkeit in kriegerischen Auseinandersetzungen behaupten musste, kam es zu einer gewissen wirtschaftlichen Erholung. Diese wurde durch die anfangs schleichende Inflation befördert, die die Exportwirtschaft und durch den Schwund der Steuerlast auch die Landwirtschaft begünstigte. Aber auch in Polen wuchs nicht zuletzt durch die Unabhängigkeitskriege das Defizit im Staatsbudget, welches die Inflation anheizte. Diese steigerte sich seit 1919 von Jahr zu Jahr und trat 1923 in die Phase der Hyperinflation ein. Die durch sie verursachten sozialen Spannungen entluden sich in bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Polizei sowie Armee. Als Reaktion wurde zum Jahreswechsel 1923/24 der Ökonom Władysław Grabski zum Ministerpräsidenten gewählt und vom Sejm mit umfangreichen wirtschaftspolitischen Vollmachten ausgestattet. Er begann mit der Sanierung des Staatshaushaltes und führte mit dem Złoty eine neue Währung ein, der bis Mitte 1924 die polnische Mark ersetzte. Der Wert des Złoty blieb nach anfänglichen Krisen bis 1939 im Wesentlichen stabil. Polen kam bei der Überwindung der Hyperinflation im Gegensatz zu Deutschland und Österreich ohne größer ausländische Anleihen aus.
Die Tschechoslowakei war deutlich weniger von der Nachkriegsinflation betroffen als die anderen Länder. Als sie am 28. Oktober 1918 für unabhängig erklärt wurde, verzichtete man zunächst darauf, eine eigene Währung zu schaffen und die österreichische Krone galt weiter. Diese wurde jedoch durch die kriegsbedingte Inflationspolitik in Wien und Budapest schnell entwertet, weshalb die tschechoslowakische Nationalversammlung auf Betreiben Finanzminister Alois Rašíns am 25. Februar 1919 die Abtrennung einer eigenen Währung beschloss. Dazu verfolgte Rašín bis zum Sturz der Regierung Karel Kramářs im Juli 1919 eine strenge Deflationspolitik. Diese und die wirtschaftliche Stabilisierung des Landes geboten der Inflation Einhalt und der Wert der Krone stabilisierte sich in den Jahren 1920 und 1921. Das Ziel eines hohen Außenwertes der Krone auch auf Kosten des inländischen Wohlstandes wurde zu einem Dogma der tschechischen Politik. Als Mitte 1921 der endgültige Niedergang der deutschen, österreichischen und der meisten anderen ostmitteleuropäischen Währungen begann, stieg die Nachfrage nach der tschechoslowakischen Krone stark. Zudem knüpfte der 1922 erneut ins Amt gekommene Rašín an seine Deflationspolitik an. Dies führte zu einer Deflationskrise, da die starke Krone der Exportwirtschaft schadete. Nachdem sich die deutsche und österreichische Wirtschaft 1924 stabilisiert hatten, wurde das Kapital wieder aus der Krone abgezogen, so dass ihr hoher Umtauschwert nur durch Außenhandelskontrollmaßnahmen aufrechterhalten werden konnte, die bis 1928 in Kraft waren.
Literatur
BENEŠ, Václav L., Die Tschechoslowakische Demokratie und ihre Probleme 1918-1920, in: MAMATEY, Victor S. / LUŽA, Radomír (Hg.), Geschichte der Tschechoslowakischen Republik 1918-1948 (Forschungen zur Geschichte des Donauraumes 3), Wien / Köln / Graz 1980, S. 49-108, hier 68 f.
BORODZIEJ, Włodzimierz, Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert), München 2000, S. 134-142.
BUTSCHEK, Felix, Österreichische Wirtschaftsgeschichte. Von der Antike bis zur Gegenwart, Wien / Köln / Weimar 2011, S. 171-218.
Inflation in der Weimarer Republik 1918-1923; Schlagwort Nr. 9025.
MAMATEY, Victor S., Die Entwicklung der Tschechoslowakischen Demokratie 1920-1938, in: DERS. / LUŽA, Radomír (Hg.), Geschichte der Tschechoslowakischen Republik 1918-1948 (Forschungen zur Geschichte des Donauraumes 3), Wien / Köln / Graz 1980, S. 109-179, hier 121-124.
NIEDERSTÄTTER, Alois, Geschichte Österreichs, Stuttgart 2007, S. 221 f.
PRYOR, Zora P., Die wirtschaftliche Entwicklung der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit, in: MAMATEY, Victor S. / LUŽA, Radomír (Hg.), Geschichte der Tschechoslowakischen Republik 1918-1948 (Forschungen zur Geschichte des Donauraumes 3), Wien / Köln / Graz 1980, S. 202-231.
Empfohlene Zitierweise
Inflation in Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 7, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/7. Letzter Zugriff am: 03.07.2020.
Online seit 14.01.2013, letzte Änderung am 10.03.2014
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