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Reaktion Michaelis auf die Rede Erzbergers in der Verfassunggebenden Nationalversammlung am 25. Juli 1919

In seiner Rede vor der Verfassunggebenden Nationalversammlung in Weimar am 25. Juli 1919 warf Reichsfinanzminister Matthias Erzbergers unter anderem dem ehemaligen Reichskanzler Georg Michaelis vor, maßgeblich für das Scheitern der päpstlichen Friedensinitiative vom August 1917 verantwortlich zu sein. Er habe vier Wochen lang keine Antwort gegeben und in der Antwortnote vom 24. September 1917 keine Erklärung zur entscheidenden Belgienfrage vorgelegt (Dokument Nr. 41).
Michaelis reagierte auf diesen Vorwurf am 27. Juli 1919 in einer Presserklärung. Er habe das Schreiben Eugenio Pacellis vom 30. August 1917 (Dokument Nr. 10019) im Kronrat verlesen. Der Kaiser habe die Auflage gemacht, dass Belgien nach Kriegsende wirtschaftlich eng an das Reich angeschlossen werden solle. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Richard von Kühlmann habe in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, mit Hilfe eines neutralen Vermittlers die Friedensbereitschaft Englands zu sondieren und nicht über die päpstliche Kurie, vor allem weil Erzberger schon im Vorhinein vom Schreiben Pacellis unterrichtet gewesen sei. Um eine Indiskretion Erzbergers zu vermeiden, sei Pacelli gegenüber eine abwartende Stellung eingenommen und später nur eine allgemeine Antwort abgegeben worden. Die Schuld für das Scheitern der päpstlichen Friedensinitiative habe schließlich beim mangelnden Friedenswillen der Entente gelegen.
Es folgte eine Enthüllungskampagne, in der weitere Dokumente vom August/September 1917 veröffentlicht wurden. Die Kontrahenten – Michaelis, Erich Ludendorff und der führende Deutschnationale Karl Helfferich auf der eine, Erzberger auf der anderen Seite – lieferten sich einen Schlagabtausch in Nationalversammlung und Presse, der bis in den August 1919 andauerte. Die Debatte fand ihre Fortsetzung im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Kriegsschuldfrage, der im gleichen Monat seine Arbeit aufnahm.
Quellen
Artikel der "Täglichen Rundschau" vom 27. Juli 1919 [Erklärung des Kanzlers Dr. Michaelis zu den Angriffen Erzbergers], in: STEGLICH, Wolfgang (Bearb. u. Hg.), Der Friedensappell Papst Benedikts XV. vom 1. August 1917 und die Mittelmächte. Diplomatische Aktenstücke des Deutschen Auswärtigen Amtes, des Bayerischen Staatsministeriums des Äußern, des Österreichisch-Ungarischen Ministeriums des Äußern und des Britischen Auswärtigen Amtes aus den Jahren 1915-1922, Wiesbaden 1970, Nr. 515, S. 609 f.
Literatur
BECKER, Bert, Georg Michaelis. Preußischer Beamter, Reichskanzler, Christlicher Reformer 1857-1936. Eine Biographie, Paderborn u. a. 2007, S. 443-448.
WOLF, Hubert, Der Papst als Mediator? Die Friedensinitiative Benedikts XV. von 1917 und Nuntius Pacelli, in: ALTHOFF, Gerd (Hg.), Frieden stiften. Vermittlung und Konfliktlösung vom Mittelalter bis heute, Darmstadt 2011, S. 167-220.
Empfohlene Zitierweise
Reaktion Michaelis auf die Rede Erzbergers in der Verfassunggebenden Nationalversammlung am 25. Juli 1919, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 7081, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/7081. Letzter Zugriff am: 10.07.2020.
Online seit 02.07.2012, letzte Änderung am 20.01.2020
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