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Russisches Komitee für Flüchtlingsangelegenheiten in München

Im konservativen Bayern bildeten russische Emigranten im Gegensatz zu Berlin keine Massenkolonie. Die kurze Hochphase der russischen Aktivitäten in München dauerte lediglich von 1920 bis 1924, danach verließen viele Russen die ehemalige rechte "Ordnungszelle" Bayern, da sich das politische Klima zu ihren Ungunsten änderte. 1921 lebten in ganz Bayern ca. 1.100 Russen, 1923 waren es in München und Umgebung zwischen 500 und 800 Personen. Die russischen Emigranten in Bayern gehörten zur monarchistischen Oberschicht des gestürzten Zarenreichs: Es waren Adelige, hohe Ministerialbeamte und Offiziere, die vor den Kommunisten geflohen waren. Sie standen in engem Kontakt mit dem rechten völkisch-deutschnationalen Milieu in München, dessen Antikommunismus sie teilten. Am 29. Mai 1921 fand der wichtigste monarchistische Kongress der russischen Emigranten in Bad Reichenhall statt.
In München wurden ähnlich der anderen Emigrantenstädte mehrere russische Organisationen gegründet, die häufig keine lange Lebenszeit hatten, mit dem Unterschied, dass die Münchener Vereinigungen in ihrer Zusammensetzung homogener waren und durch die gleichen Personen getragen wurden. Das "Russische Komitee für Flüchtlingsangelegenheiten" ("Russkij komitet" oder "Komitet po delam russkich bežencev") stellte den Kontakt mit den bayerischen Behörden her und unterstützte allgemein die Russen in Bayern sowie russische Emigranten auf der Durchreise. Das Komitee stand dem in Coburg im Exil befindlichen Großfürsten und selbsternannten Zaren Kirill nahe. Den Vorsitz hatte bis 1923 der einflussreiche Oberst F. F. Eval'd inne, der gemeinsam mit General Biskupskij die russische Kolonie in München anführte.
Literatur
BAUR, Johannes, Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts München: Reihe Geschichte 64), Wiesbaden 1998, S. 118-128.
BAUR, Johannes, Russen in Bayern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Ein Überblick über die Archivsituation (Osteuropa-Quellen in Bayern 1 / Mitteilungen des Osteuropa-Instituts München 13), München 1996.
BAUR, Johannes, Russische Emigranten und die bayerische Öffentlichkeit, in: BEYER-THOMA, Hermann (Hg.), Bayern und Osteuropa: aus der Geschichte der Beziehungen Bayerns, Frankens und Schwabens mit Russland, der Ukraine und Weißrussland, Wiesbaden 2000, S. 461-478, hier 463, 466.
DODENHOEFT, Bettina, Lasst mich nach Russland heim. Russische Emigranten in Deutschland von 1918 bis 1945, Frankfurt am Main 1993, S. 189-205.
KELLOGG, Michael, The Russian Roots of Nazism. White émigrés and the making of National Socialism. 1917-1945, Cambridge 2005, S. 150 f.
Empfohlene Zitierweise
Russisches Komitee für Flüchtlingsangelegenheiten in München, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 9023, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/9023. Letzter Zugriff am: 20.09.2019.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 26.06.2019
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