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Dokument-Nr. 16491
[Mausbach, Joseph] an Pacelli, Eugenio
[Münster], vor dem 03. Juni 1925

Abschrift.
Von der in der Anfrage Euerer Exzellenz erwaehnten Angelegenheit des Herrn N. habe ich zuerst – es werden etwa anderthalb Jahre sein – durch eine vertrauliche Anfrage Sr. Eminenz des Herrn Kardinals Schulte gehoert; der letztere war aufmerksam gemacht worden durch einen N. beruflich nahestehenden Herrn, dessen persoenliche Beziehungen zu N. allerdings nach und nach gespannt geworden sind. Ich bin damals sogleich zu Herrn N. hingegangen und habe eine lange Unterredung mit ihm gehabt. Ein "voelliges Zerfallensein" mit der Kirche habe ich zwar nicht festgestellt, aber doch eine tiefe Erschuetterung des Glaubens, so dass ich aufs schmerzlichste betroffen war - denn niemand hatte hier solches ahnen koennen. Ich habe mich nach Kraeften bemueht, apologetische Gruende und sittlichaszetische Hinweise und Heilmittel beizubringen. N. war sehr ernst und beklagte selbst seinen Zustand, der sich allmaehlich aufgrund intellektueller Schwierigkeiten, aber auch unerbaulicher Erfahrungen im Schosse der Kirche herausgebildet habe. Ich hatte gleich vermutet, dass seine Differenzen mit einzelnen Vertretern der Missionsbewegung und mit Herrn Kardinal von Hartmann, also Gefuehle persoenlichen Verletztseins, stark mitspielten; N. leugnete das nicht meinte aber, die Sache laege doch tiefer. Er gebe die ehrliche Bemuehung nicht auf, habe aber doch schon daran gedacht, seine Stellung in Deutschland aufzugeben und unauffaellig in seine Heimat zurueckzukehren.
N. machte damals auch koerperlich einen angegriffenen Eindruck; bald nachher besserte sich seine Stimmung, er kam und dankte mir fuer meinen Besuch, arbeitet wieder frischer in der Missionssache;
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der hl. Vater hatte ihn bei einem Besuch in Rom wiedererkannt und eingehend mit ihm gesprochen, auch Kard. Schulte erkannte seine Verdienste fuer die Missionen an usw. So glaubte ich denn, die Krise sei im wesentlichen ueberwunden.
Zu meinem grossen Bedauern hoerte ich dann vor einigen Monaten - mittelbar durch den eingangs erwaehnten Herrn -, dass diese Hoffnung irrig sei. Ich habe Herrn N. erneut besucht und gesprochen. Der Seelenzustand war leider nicht geklaert und gebessert; doch auch das Ringen nach Klaerung und Besserung war nicht aufgegeben, das taegliche Breviergebet nicht unterlassen; wie die regere Arbeit fuer verschiedenste Missionszwecke zeigte, das Interesse an den katholischen Missionen eher gesteigert als gemindert. Man konnte bisweilen denken, es handle sich nur um kritische Schwierigkeiten oder um starke Versuchungen, die N. in der drastischen, pointierten Art, die er liebt, uebertreibe. Dagegen sprach aber der von Ew. Exzellenz erwaehnte Besuch bei Prof. Harnack wegen event. Anstellung in der Bibliotheksverwaltung. Als ich erschreckt mein Bedauern ueber letzteres aeusserte, versicherte N., Harnack werde die vertrauliche Eroeffnung sicher geheimhalten.
Ich habe auch bei diesem Besuche alle die Ratschlaege gegeben die der katholische Standpunkt sowohl fuer die private wie fuer die oeffentliche Seite des Falles an die Hand gibt. Auch diesmal zeigte sich N. nicht abweisend und unempfaenglich, kam aber auch nicht zu einem bestimmten Resultat. Ich habe dann weiter nach aussen Stillschweigen bewahrt und abgewartet. Ich glaubte dies, abgesehen von der strengen Vertraulichkeit mancher seiner Aeusserungen, vor allem darum tun zu muessen, weil noch ein anderer Kollege, wie ich erfuhr, um die Sache weiss, der ihm persoenlich
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naehersteht als ich, dogmatisch absolut zuverlaessig ist und die Gabe hat, Herrn N. rueckhaltlos "die Wahrheit zu sagen" und in seinen Eigenheiten und Stimmungen zurechtzuruecken. N. ist eben, was die Beurteilung erschwert, eine eigenartige, stark erregbare und komplizierte Persoenlichkeit; einerseits ueberaus scharfsinnig, gelehrt und leistungsfaehig, anderseits Stimmungsmensch, ungeschickt und unbesonnen in der Wahl der Worte - in Rede, Brief und literarischer Kritik. Manche seiner scharfen, bisweilen anstoessigen Aeusserungen werden von den Betroffenen und anderen, die ihn kennen, nicht ernst genommen, so dass auch nach solchen Zusammenstössen doch wieder gemeinsame Arbeit moeglich wird.
Zweifellos hat N. fuer die Missionswissenschaft auf katholischer Seite, fuer die Erschliessung der Geschichte der kathol. Missionen usw. bahnbrechend gewirkt und steht, was die Kenntnis der Missionsgebiete und der Missionsgesellschaften angeht, in erster Reihe. Wenn er, wie ich hoere, gerade jetzt wieder an groesseren Werken nach dieser Richtung arbeitet, mag es wohl auch in der Absicht geschehen, dadurch den inneren Streit zu beschwichtigen.
Wie ich oben bereits bemerkte, ist - von den ganz wenigen und verschwiegenen Einzelpersonen abgesehen - hier ueber die Sache nichts bekannt, weder im Lehrkoerper der Fakultaet und Universität noch bei der Studentenschaft oder beim Klerus der Dioezese. Insbesondere ist aus den Vorlesungen N's nichts Glaubensgefaehrliches bekannt geworden. Ein wirklicher Bruch mit der Kirche wuerde natuerlich von unheilvollsten [sic] Eindruck sein; zumal bei einem Manne, der, wenn auch sonst nicht gerade fuehrend, so doch fuer das Werk der Glaubensverbreitung lange Zeit oeffentlich und ueber Deutschland hinaus gewirkt hat und wirkt. Das hat N. auch selbst offen-
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bar empfunden und aus diesem Grunde jene beiden Auswege eines weniger auffaelligen Abgangs von hier und Uebergangs in eine andere Gegend oder Stellung erwogen. - Uebrigens scheint mir doch auch bei solcher Form der Losloesung die Gefahr auf die Dauer nicht ausgeschlossen, dass das Temperament und der literarische Drang N.'s noch zu weiteren Aergernissen fuehren koennte.
Grundsaetzlich koennen solche Besorgnisse gewiss nicht ausschlaggebend sein. Sie werden aber doch solange mit zu beruecksichtigen sein, als noch eine Aussicht auf friedliche Loesung besteht.
P. S. Soeben hoere ich, dass gerade eine Geschichte der Missionen (600 S.) im Steyler Missionsverlag fertiggestellt und erschienen ist.
Empfohlene Zitierweise:
[Mausbach, Joseph] an Pacelli, Eugenio vom vor dem 03. Juni 1925 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 16491, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/16491. Letzter Zugriff am: 16.10.2019.
Online seit 24.06.2016