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Dokument-Nr. 19968

Martin, Alfred vonHeiler, FriedrichLeiber SJ, Robert: Una Sancta. Zwei Erwiderungen und eine Antwort, in: Katholisches Kirchenblatt der Fürstbischöflichen Delegatur für Berlin, Brandenburg und Pommern, Nr. 2, S. 5-8., 09. Januar 1921
Das "Katholische Kirchenblatt" berichtete in Nr. 51 1926 über den Vortrag des Univprof. Dr. Friedrich Heiler. Stattfand 30. November 1926 in der Universität Berlin. Den Artikel schrieb P. Robert Leiber S.J. Hierzu sandten Univprof. Dr. von Martin, München, und Univprof. Dr. Heiler Marburg a.L. Berichtigungen ein. Auf beide antwortet der Verfasser der ersten Notiz selbst.
I.
Univprof. Dr. von Martin, Herausgeber der Vierteljahreszeitschrift "Una Sancta", schreibt 21. Dezember 1926 an die Schriftleitung des "katholischen Kirchenblattes":
Es ist unwahr, daß der Hochkirchlichökumenische Bund dasselbe sei wie seinerzeit der Puseyismus, und daß sein Ziel sei, durch "Verschmelzung" verschiedener bestehender Kirchen eine neue Kirche "zu schaffen". Wahr ist, daß ihm vielmehr jede "Vermischung" völlig fern liegt und ausdrücklich von ihm abgelehnt wird.
Es ist unwahr, daß "aus den verschiedenen Konfessionen eine Einheitskirche geschaffen werden soll, eine Idealkirche". Wahr ist, daß der Hochkirchlichökumenische Bund von Anfang an folgendes ausdrücklich erklärt hat: "Wir erwarten natürlich von niemandem, daß er sich für seine Person von dem Weitergehenden, das ihn an seine Konfession bindet, lossage" ("Una Sancta", 1. Jahrg., Heft 1, S. 2), daß er sich als Bund grundsätzlich nur in dem Sinne auf den Boden "der alten ungeteilten Kirche" stellt, als damit eine gemeinsame Basis für ein Zusammenarbeiten der verschiedenen christlichen Konfessionen gegeben sein soll, daß aber von Anfang an betont wurde, daß wir niemanden "danach fragen wollen, was er außer diesen uns gemeinsamen noch für weitergehende Ueberzeugungen und Glaubensansichten hat, je nach der kirchlichen Gemeinschaft, der er angehört, und nach seiner persönlichen Gewissensentscheidung" (eb., S. 14), oder wie es an anderer Stelle (1. Jahrg., Heft 6, S. 100) ausgedrückt wurde: "So unterlassen wir es ganz bewußt, das, worin wir ökumischgerichteten Evangelischen von unsern römisch-katholischen Mitchristen abweichen, irgendwie zu negieren; vielmehr stehen wir in christlicher Ehrfurcht auch vor dem, was ihnen noch außer dem uns Gemeinsamen heilig ist und notwendig scheint. Wir gestehen ihnen gern und freudig ihre Sphäre zu, auch wo wir selbst nicht mitgehen können."
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Es ist unwahr, daß der Hochkirchlichökumenische Bund, insoweit er auch in den römisch-katholischen Reihen "Anhänger werben will", irgendeine Linie festlegt, bis zu der er sich Rom "nähert", und an der er sich von Rom "trennt". Wahr ist, daß die Aeußerungen in der Zeitschrift "Una Sancta" über das Papsttum lediglich Aeußerungen evangelischer Mitarbeiter darstellen, welche den Standpunkt des Schreibers und mehr oder weniger wohl den Standpunkt der meisten evangelischen Mitglieder des Bundes darstellen.
Es ist unwahr, daß der Hochkirchlichökumenische Bund als solcher das Papsttum im römisch-katholischen Sinne "ablehnt". Wahr ist, daß z.B. Friedrich Heilers Aufsatz "Evangelisches Hochkirchentum" im zweiten Jahrgang der "Una Sancta", da wo er zur Frage des Papsttums Stellung nimmt, dies mit den ausdrücklichen Worten einleitet: "Wenn man uns evangelische Hochkirchler fragt, warum wir nicht römisch werden, so antworten wir:" (Heft 2.)
Es ist unwahr, daß der Hochkirchlichökumenische Bund von den römischen Katholiken "die Annahme der Erlösungslehre Luthers und seiner Bibelauffassung verlangt". Wahr ist, daß überall, wo die Zeitschrift "Una Sancta" von Luthers Rechtfertigungslehre gesprochen hat und spricht, hier lediglich von evangelischen Autoren dargelegt wird, was die Evangelischen unter uns beim evangelischen Glauben festhält, während schon im ersten Jahrgang (Heft 4, S. 68), wo bereits auf die uns von außen her gestellte Frage: "Warum konvertiert ihr denn nicht nach Rom?" eine Antwort gegeben wurde, bei der Anführung der Gründe, die für uns Evangelische dabei bestimmend sind, ausdrücklich bemerkt wurde: "Unsern römisch-katholischen Mitgliedern reden wir da grundsätzlich nichts darein."
Es ist unwahr, daß "die Bewegung auf den Bau einer religiösen Gemeinschaft, einer Kirche hinausgeht". Wahr ist, daß dergleichen auch von uns als "ein Unding" angesehen wird.
Es ist unwahr, daß bei dem "einheitlichen Glauben", auf dessen Basis wir uns, als Christen verschiedener Konfessionen, zu freundschaftlicher Zusammenarbeit, nicht zur "Schaffung" einer "Kirche", zusammenfinden, den römischen Katholiken auf dem Gebiete des Dogmas und der Lehre irgendwelche "Opfer" auferlegt werden. Wahr ist, daß der Bund als solcher sich zu nichts anderem bekennt und seine Mitglieder zu nichts anderem verpflichtet, als zu dem Bekenntnis "1. zu der von unserm Herrn und Heiland Jesus Christus gestifteten Kirche als der sichtbaren göttlichen Heilsanstalt, 2. zu dem göttlichen Offenbarungswort der Heiligen Schrift, 3. zu den ökumenischen Symbolen als dem Bekenntnis der Gesamtkirche" ("Una Sancta", Jahrg. 1, Heft 1, S. 3), wobei der Bund darüber, wo "die Kirche" realisiert ist, absichtlich nichts aussagt.
Es ist unwahr, daß der Hochkirchlichökumenische Bund "tiefgehende Gegensätze verdeckt". Wahr ist, daß sowohl in den Aeußerungen evangelischer Mitglieder in der "Una Sancta" über "Primat und Rechtfertigungslehre" wie auch in der Antwort, in der Herr Univprof. Dr. Heiler am Abend des 30. November 1926 auf eine in der Diskussion an ihn gerichtete Frage den besonderen Standpunkt der evangelischen Mitglieder klar und offen dargelegt hat, die "Gegensätze", welche auch innerhalb des Bundes zwischen evangelischen und römisch-katholischen Mitgliedern bestehen, offen bekannt wurden.
Es ist unwahr, daß diejenige "Einstellung die herrschende im Bunde ist", welche P. Leiber mit einer angeblichen Stelle aus Band 1 von Heilers gesammelten Aufsätzen belegen will. Wahr ist, daß im ganzen Buche weder dieser noch ein ähnlicher Satz steht, abgesehen davon, daß der Bund als solcher unmöglich für Aeußerungen in Privatarbeiten verantwortlich gemacht werden kann. Wahr ist ferner, daß weder bei der Gründung noch während der gesamten späteren Entwicklung des Hochkirchlichökumenischen Bundes jemals von irgend jemandem der Gesichtspunkt geltend gemacht worden ist, als handelte es sich darum, "den Strom der nach einem reichen religiösen und kirchlichen Leben Verlangenden von der katholischen Kirche abzuleiten", daß vielmehr der Gedanke der römisch-katholischen Kirche irgendwie Abbruch zu tun, niemals in unsern Gesichtskreis getreten ist und ein Versuch der Entziehung von Mitgliedern schon deswegen geradezu absurd wäre, weil wir eben gar nicht daran denken, eine "Kirche" "schaffen" zu wollen und Konversionen von Anfang an (vgl. Jahrg. 1, Heft 1, S. 12) ausdrücklich als Privatsache des einzelnen erklärt haben.
Es ist unwahr, daß Univprof. Heiler am Ende der Diskussion des 30. November das Programm der "Kirche ohne Papst" aufgestellt habe, oder gar, daß dies das Programm des Hochkirchlichökumenischen Bundes sei. Wahr ist, daß Herr Univprof. Dr. Heiler weder gesagt hat, wir wollen zurück zur Kirche der ersten Jahrhunderte, noch daß er gar den Ausdruck "Kirche ohne Papst" gebraucht hat, während der Hochkirchlichökumenische Bund als solcher über den päpstlichen Primat (ebenso wie über die Rechtfertigungslehre) grundsätzlich gar nichts aussagt."
Es ist unwahr, daß "die Antwort Roms an den Hochkirchlichökumenischen Bund" nur in dem Sinne ausfallen könne, daß "die Katholiken nicht in die Bewegung eintreten könnten". Wahr ist, daß dogmatische Bedenken gegen solchen Eintritt aus dem sehr einfachen Grunde gar nicht erhoben werden können, weil der Bund als solcher keinerlei Lehre Roms angreift und von keinem seiner römisch-katholischen Mitglieder erwartet, daß es irgendwelche Lehren der römischen Kirche ablehnt.
II.
Univprof. Dr. Heiler, der Redner des 30. November 1926, schreibt 27. Dezember 1926 an die Schriftleitung des "Katholischen Kirchenblattes":
Die Ausführungen von P. Leiber S.J. im "Katholischen Kirchenblatt" Nr. 51, S. 7, enthalten im Hinblick auf meine Person zwei Unrichtigkeiten:
1. Es ist unwahr, daß ich "im Band 1 meiner Gesammelten Aufsätze gesagt" habe: "Die hochkirchliche Bewegung mußte geschaffen werden, um den Strom der nach einem reichen religiösen und kirchlichen Leben Verlangenden von der katholischen Kirche abzulenken". Im ganzen Buche steht weder dieser noch ein ähnlicher Satz. Ich habe lediglich S. 247 hervorgehoben: "Wären Pusey und all die anderen Männer der Oxfordbewegung, dem Beispiel Newmans folgend, rascher Hand zur römischen Kirche konvertiert, so wäre die anglikanische Kirche heute noch genau so protestantisch wie vor hundert Jahren. Aber weil sie in ihrer Kirche blieben und geduldig für künftige Geschlechter arbeiteten, darum hat der katholische Gedanke heute in der ecclesia anglicana eine ungeheure Bedeutung erlangt." Daß diese Feststellung genau den gegenteiligen Sinn hat von dem, welchen ihr P. Leiber beilegt, geht deutlich aus dem auf der gleichen Seite stehenden Satz hervor: "Wir wünschen wie unsere anglokatholischen Brüder um der Einheit der Kirche willen aufrichtig, daß der Tag des Friedens und der Gemeinschaft mit der römischen Kirche einmal, wenn auch erst in ferner Zeit, anbreche."
2. Es ist unwahr, daß mein "Schlußwort" nach dem Berliner Vortrag lautete: "Wir wollen zurück zur Kirche ohne Papst". Ich habe vielmehr in der Diskussion die Frage eines Berliner Katholiken, was die evangelischen Mitglieder des Hochkirchlichökumenischen Bundes von Rom trenne, mit den gleichen Gründen beantwortet, die jedermann in dem erwähnten Buche (S. 246 und 341) nachlesen kann. Ich erklärte, übrigens nicht im Namen des Bundes, sondern als Sprecher seiner evangelischen Mitglieder, daß "wir evangelischen Hochkirchler" an der patristisch-episkopalen Kirchenidee festhalten, die im Gegensatz zur mittelalterlich-papalistischen die höchste kirchliche, und zwar unfehlbare Instanz im ökumenischen Konzil erblickt, und daß wir darum wie die altkirchlichen Väter einen Universalepiskopat, Rechtsprimat und eine Unfehlbarkeit des Papstes im Sinne der vatikanischen Dogmen nicht anerkennen können. Das bedeutet jedoch keineswegs eine Ablehnung des römischen Primats überhaupt, sondern lediglich eine wichtige Differenz in der Auffassung von seinem Ursprung und Umfang. Denn "alle außerrömischen Christen, welche wahrhaft katholisch denken, erkennen dankbar und freudig die Vorrangstellung des apostolischen Stuhles an. Sie wissen auch vollauf zu würdigen, welche unermeßlichen Segen das Vorhandensein eines sicht-
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baren Einheitszentrums in der Kirche Christi mit sich bringt. Und sie wünschen keineswegs ein Verschwinden des römischen Primats, der trotz aller Mißbräuche, Fehler und Schäden, für die Christenheit soviel bedeutet hat. Sie würden bereitwillig im Nachfolger Petri den Vicarius Christi ehren und gerne in seinen Händen die sollicitudo omnium ecclesiarum geborgen wissen" (a.a.O. S. 342). "Die Einsicht in die einzigartige Bedeutung des römischen Stuhles wird ein solches (künftiges ökumenisches) Konzil davon abhalten, dem Papste nur einen bloßen Ehrenprimat zuzuerkennen, es wird ihm vielmehr einen Ordnungs- und Amtsprimat zuweisen, freilich auf durchaus konstitutioneller Basis" (S. 344). "Gott wird einstens noch den Papa angelico senden, der die Einheit der römischen und außerrömischen Christenheit wiederherstellen wird, darauf hoffen wir wider alle Hoffnung" (S. 247).
III.
Auf diese beiden "Berichtigungen" antwortet der Verfasser des Artikels "Una Sancta" im "Katholischen Kirchenblatt" 1926 Nr. 51 P. Robert Leiber S.J.1 wie folgt:
Meinen Artikel in Nummer 51 des Katholischen Kirchenblattes habe ich geschrieben nach eingehendem Studium der Hochkirchlich-ökumenischen Bewegung ihres Schrifttums. Aus der so gewonnenen Kenntnis gestatte ich mir, zu den beiden vorausgehenden Erklärungen einige Bemerkungen zu machen, indem ich mir vorbehalte, wenn nötig, an anderer Stelle auf die Frage zurückzukommen.
Der Kirchenbegriff in Bund und Bewegung ist freilich nicht einheitlich und eindeutig. Wenn aber die Worte ihren Sinn behalten sollen, dann ist der ökumenische Bund mehr als eine bloße Annäherung der Angehörigen verschiedener Konfessionen. Der Bund bekennt sich zu einer sichtbaren Kirche, die aber, anders lassen sich die bisherigen Aeußerungen der Bundesglieder nicht verstehen, in keiner der bestehenden Kirchen verwirklicht ist. Sie sind Teilkirchen, und das Tridentinum ist ebenso wie die Confessio Augustana ein "partikuläres" BekenntniS. Die Gesamtkirche, die Una Sancta, wölbt sich entweder über diese Teilkirchen, und jeder besitzt neben dem gemeinsamen sein spezifisches Glaubensgut, oder sie setzt sich aus Elementen der verschiedenen Bekenntnisse zusammen. Das letztere scheint mir, jedenfalls als Endziel, mehr zum Durchschein zu kommen. Ich verweise auf die Artikel von G.A. Glinz, H. Boß und H. Ehrenberg (nicht Mitglied des Bundes) im 2. Jahrgang der Una Sancta, vor allem aber auf das Kapitel "Evangelische Katholizität" in Band 1 von Fr. Heilers gleichnamigem Werke. Heiler hat dort neben anderen das Wort von der "romfreien katholischen Großkirche" geprägt (S. 160) und stellt im ganzen Kapitel die evangelische Katholizität in einen jedem wirklich fühlbaren Gegensatz zur römischen Kirche. Der Vergleich mit dem Puseyismus scheint mir also gleichfalls zu stimmen, und ich kann auch die in Abschnitt 4 meines Artikels geäußerten Bedenken nicht loswerden. Soviel zu den Punkten 1, 2, 6 und 7 von Herrn Prof. von Martin.
Die Erlösungslehre im Bunde: ein Bundesglied teilt mir soeben mit, daß ein Bekenntnis zu Luthers Rechtfertigungslehre im Bunde tatsächlich nicht "verlangt", nicht gefordert wird. Ich nehme dies gegenüber dem in Abschnitt 3 Gesagten gerne zur Kenntnis. Wenn ich jedoch vorher der gegenteiligen Auffassung war, so lag die Schuld nicht bei mir. In der "Una Sancta" kommt Luthers Rechtfertigungslehre eine geradezu zentrale Bedeutung zu. Ich erinnere an Wendungen wie folgende: die Reformation ist die "notwendige innere Fortentwicklung im Glaubensbesitz der Kirche", "das Sammlungsprinzip des Kreuzes gegen das des Papstes", Luthers Glaubenserlebnis gehört "zu den unsterblichen Elementen des Christentums". Das ganz entschiedene Eintreten der "Una Sancta" für Wittig und Prof. von Martins Erwägungen in "Mysterium, Reformation und Gegenwartskrisis" im Anschluß an Abt Herwegens doch sehr umstrittenes Werk über "Kirche und Seele" gehen in derselben Richtung. "Es war die weltgeschichtliche Schuld der katholischen Kirche, daß sie, in jener historischen Entscheidungsstunde im Leben der abendländischen Christenheit, sich nicht als groß und weit genug erwies, um Luther in ihren Reihen zu behalten, seiner reinen, aber von Haus aus keineswegs 'neuen' Lehre in ihrem eigenen Organismus Raum gewähren zu können." So gleicherweise Prof. von Martin Jg. 1, 172. Man wird auch nicht sagen wollen, daß man hier nicht doch etwas Propaganda macht und auf Entgegenkommen von katholischer Seite hofft. "Auf katholischer Seite", sagt das letzte Werbeblatt der Zeitschrift, "beginnt man ein zunehmendes Verständnis zu gewinnen für die zentrale religiöse Bedeutung des Lutherschen Glaubenserlebnisses und für Luthers Tat für die Gesamtkirche." Das klingt etwas eigentümlich für unsere Ohren. Soviel zu Punkt 5 von Herrn Professor von Martin.
Der Hochkirchlich-ökumenische Bund und das Papsttum: gleich zu Professor Heilers erster Einwendung. Die betreffenden Worte in Absatz 4 meines Artikels sind kein genaues Zitat, sondern sollten kurz Heilers Einstellung in seiner "Evangelischen Katholizität" wiedergeben. An die von ihm angeführten Worte S. 247 war dabei nicht gedacht, sondern an eine andere Stelle, S. 156f., die folgendermaßen lautet: "Und doch ist es meine Ueberzeugung, daß die wahre Katholizität einzig und allein auf evangelischer Basis verwirklicht werden kann. Jene Katholizität, welche die römische Kirche vertritt, ist getrübt und verfälscht durch viele unterchristliche und widerchristliche Elemente. Die Verwirklichung der evangelischen Katholizität vermag der [sic] Kirchenflucht, welche im Protestantismus eingerissen hat, zu steuern; sie vermag die Sehnsucht nach dem römischen Katholizismus, die in vielen Protestanten lebt, zu entwurzeln; sie ist die wirksamste Waffe gegen Rom. Das evangelische Christentum kann das römische Kirchentum nicht machtvoller bekämpfen als dadurch, daß es jene idealen Werte, durch welche der Katholizismus die tiefen Gemüter an sich fesselt, in sich aufnimmt." (Die ausgelassenen Worte verstärken noch den Eindruck!) Das ist für uns tief kränkend und untragbar, aber leider geschrieben von einem Manne, dessen Einfluß sich in der Bewegung offenbar stark geltend macht. Ich weiß, daß vielen Bundesmitgliedern eine derartige Ausdrucksweise mißfällt. Aber die Ablehnung der Papstkirche im römisch-katholischen Sinne ist bis jetzt in der "Una Sancta" oft, zum Teil sehr scharf und unwidersprochen zum Ausdruck gekommen. Ich könnte dafür sofort ein Dutzend Belege anführen. In diesem Sinne war es gemeint, wenn ich sagte, die heilersche Einstellung sei die herrschende im Bunde. Daran, daß Prof. Heiler am Schluß der Diskussion vom 30. November geäußert hat: wir wollen zurück zum Christentum der ersten sechs Jahrhunderte; das war ein Christentum ohne Papsttum im römisch-katholischen Sinne, halte ich unbedingt fest. Seine Erklärung ließ an Deutlichkeit, auch nach dem Zeugnisse anderer, nichts zu wünschen übrig. Der Primat, den Prof. Heiler damals und in Punkt 2 seiner Erwiderung bestehen läßt, kann über die Schwierigkeit nicht hinwegtäuschen. Rechsprimat und Unfehlbarkeit im Sinne des Vatikanischen Konzils lehnt er ab. Aber gerade sie bilden das Wesen des Primats. Das zu Punkt 4 und 9 in Prof. von Martins, und zu Punkt 1 und 2 in Prof. Heilers Entgegnung.
Zu den übrigen Punkten des Herrn Professor von Martin mögen einige kurze Bemerkungen genügen: die Grenzlinie zwischen dem Bund und der katholischen Kirche suchte ich selbst zu bestimmen. Ich habe nirgends behauptet, daß der Bund sie zieht. In Bund und Bewegung ist im Gegenteil vom Zurückstellen des Trennenden oft die Rede, und daß dadurch tiefgehende Gegensätze verdeckt werden, hat der Diskussionsabend gezeigt. Daß in der "Una Sancta" die nicht katholische Auffassung von Primat und Rechtfertigungslehre, leider einseitig, reichlich zum Ausdruck gekommen ist, habe ja gerade ich bedauert. Ob Katholiken in Bund und Bewegung mitwirken dürfen, ist für uns eine rein innerkirchliche Frage und dementsprechend zu behandeln.
An der aufrichtigen Gesinnung von Herrn Professor von Martin zweifle ich nicht. Ich weiß auch, daß in der Bewegung nicht wenige ehrliche Wahrheitssucher sind. Insofern, das habe ich schon in der Diskussion geäußert, begrüßen wir die Bewegung. Aber ihre Anhänger mögen sich einmal selbst fragen, ob die Art, wie bisher unsere ka-
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tholische Weltanschauung in der Bewegung behandelt worden ist, für unser Gefühl und unser Rechtsempfinden tragbar ist. Vielleicht sind die mitarbeitenden Katholiken zum Teil selbst daran schuld. Ihre Darstellungen lassen vielfach Klarheit, theologische Korrektheit und Wahrheit und da und dort auch die Würde (vgl. Jg. 1, 83f. und Jg. 2, 179ff.) recht peinlich vermissen. Gerade das war es, was mich veranlaßt hat, einmal unseren grundsätzlichen Standpunkt zur Bewegung zur Sprache zu bringen.
1"P. Robert Leiber" S.J." hds. von unbekannter Hand in roter Farbe unterstrichen.
Empfohlene Zitierweise:
Martin, Alfred von Heiler, Friedrich Leiber SJ, Robert, Una Sancta. Zwei Erwiderungen und eine Antwortin: Katholisches Kirchenblatt der Fürstbischöflichen Delegatur für Berlin, Brandenburg und Pommern, Nr.2, S.5-8. vom 09. Januar 1921 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 19968, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/19968. Letzter Zugriff am: 18.10.2019.
Online seit 25.02.2019