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Dokument-Nr. 2679
[Mitglieder der Pfarrei Böhmisch Röhren] an Pacelli, Eugenio
Böhmisch-Röhren, 06. August 1920

Wir, Unterzeichnete der Pfarrei Böhmisch-Röhren, bitten das hochw. kath. Pfarramt Bischofsreut, diese unsere Bittvorstellung durch das Hochwürdigste Bischöfliche Ordinariat Passau der Hochwürdigsten Nuntiatur in München in Vorlage zu bringen:
Mit freudigstem Danke lasen wir die Mitteilung des Hochwürdigsten Bischöflichen Ordinariats Passau an das kath. Pfarramt Bischofsreut unter dem 29. Juli 1920, daß unsere Bittvorstellung vom Feste Petrus und Paulus l. J. unverzüglich an den Heiligen Stuhl weitergeleitet worden ist.
Dies gibt uns den Mut, noch eine weitere Bittvorstellung zu wagen:
Die radikale Ansage des unbarmherzigsten Kulturkampfes seitens der religionsfeindlichen Parteien in unserem äußerst unglücklichen Vaterlande läßt erwarten, daß die Trennung von Kirche und Staat nur mehr eine Frage von Monaten ist. Es muß dann auch noch die kirchliche Leitung in den einzelnen Diözesen und Pfarreien eine durchgreifende Anpassung an die Zeitverhältnisse erfahren. Dafür wagen wir folgende Wünsche zu äußern:
Es wird schon jahrzehntelang von den deutschen Angehörigen der vier Diözesen Böhmens des öfteren bitter empfunden, daß sie in kirchlicher Beziehung wesentlich verkürzt erscheinen; so hat beispielsweise das Bistum Budweis, das doch zu gut ein Drittel Deutsche als Diözesanen zählt, von seiner Errichtung am 20. September 1785 bis 1851 einen einzigen deutschen Bischof (Lindauer), seit den 70iger Jahren des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen tschechische Bischöfe. Deutsche Kanoniker zählen während dieses langen Zeitraums zu den größten Seltenheiten. Die "Los von Rom"-Bewegung hätte in den breiten Schichten des Volkes bei weitem nicht den Anklang gefunden, wenn aus diesem systematischen Vercechungssystem [sic] heraus nicht jahrzehntelang in rein deutschen Gebieten ausschließlich tschechische Geistliche als Seelsorger gewaltet hätten. Die Tschechen stellen sich dar als eine geschlossene Sippe, die nach außen in großartiger Einmütigkeit auftritt; sie sind durchdrungen von trunkenem Volksbewußtsein und überschätzen nur zu gern ihren eigenen Wert. Dabei ist ihr Streben fast nur von materiellen Gesichtspunkten geleitet, nicht von idealen wie bei uns Deutschen. Die Tschechen werben bei uns in zähem Kleinkampf Scholle um Scholle, [Serle] um [Serle], ihr Ziel verfolgen sie mit jedem Mittel; haben sie einmal festen Fuß gefaßt, dann knechten sie die Deutschen mit brutaler Rücksichtslosigkeit. Als nun die "Los von Rom"-Bewegung neu erstarkte, wurde von deren Agitatoren uns Deutschen ein deutscher Klerus und rein deutsche Predigt versprochen: Das zog. Wir haben aber
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aus der Geschichte gelernt, daß gerade an diesem Punkte die bessernde Hand angelegt werden müsse. Wenn solche Gefahr einer einsetzenden "Los von Rom="Bewegung fürderhin gehalten werden soll, so muß mit dem verderblichen Vertschechungssystem auf kirchlichem Gebiete gebrochen werden. Die bis zur Stunde immer wieder seitens maßgebender kirchlicher Oberbehörden unbeachtet gebliebene Forderung der Bevölkerung deutschen Stammes und deutscher Gemütsart nach eigener deutscher Diözesanverwaltung wird hiermit im Wege der Petition eindringlich erhoben; wir wollen zum mindesten ein eigenes Generalvikariat für unsere deutschen Priester und für uns deutsche Diözesanangehörige. Es ist in letzter Zeit sehr unangenehm bemerkt worden, daß in [kerndeutschen] Gegenden bei Besetzung von Seelsorgeposten tschechische Bewerber den deutschen vorgezogen wurden, obwohl allgemein die Überzeugung besteht, daß der deutsche Bewerber in keiner Weise an Qualifikation den tschechischen Mitbewerbern nachsteht. Eine solche stiefmütterliche, uns nicht gerechtfertigte Behandlung des deutschen Klerus und mit ihm des deutschen katholischen Volksteiles muß, menschlich gesprochen, die Gemüter der katholischen Kirche entfremden. Da aber die tschechoslowakische Regierung von dem Vorwurfe nicht freizusprechen ist, daß sie allenfallsiger Gewaltanwendung gegen die katholische Kirche teilnahmslos zusieht, so müssen wir unsere Hoffnung nur um so mehr auf jene Stelle setzen, welche Gott als Beschützerin und Schirmherrin wahrer christlicher Nächstenliebe und ächter [sic] Neutralität den Völkern vor Augen gestellt hat.
Wir Pfarrangehörige von Böhmisch-Röhren stellen ferner nochmals die innigste Bitte, es mögen alle möglichen Schritte versucht werden, den abgefallenen Priester [Diviš] aus unserer Mitte zu entfernen. Er will nicht aus dem Pfarrhofe weichen; es steht zu befürchten, daß bei seinem Abzuge kirchliche Gegenstände mit verschleppt werden, weil er öffentlich äußerte, die Kelche, die Paramente, die Kerzen habe er angeschafft, also verfüge auch er allein darüber. Diviš hat aber zur Anschaffung die Kirchengüter aufgewendet, die lediglich der Mildtätigkeit des gläubigen Volkes ihren Ursprung verdanken. Es wirft ein schiefes Licht auf den abgefallenen, seit acht Monaten der kirchlichen Strafe verfallenen Pfarrer Diviš, daß er sich weigert, alle diese Kirchengegenstände herauszugeben. Wir erheben deshalb Protest dagegen, daß Diviš mit dem Eigentum der Kirche wie mit eigenem Besitztum schalten und walten will. Wir fühlen die Erbitterung in unserer Seele von Woche zu Woche steigen, daß unser lieber Herr Pfarrvikar [Pechtl], der doch vom Bischofe uns bestellt wurde, förmlich einem Einquartierten ähnlich fern von der Kirche seine Wohnung nehmen muß. Wir bedauern es aufs herzlichste, daß er wegen der Hartnäckigkeit des Pfarrers Diviš sich gezwungen sieht, seine Mahlzeiten an fremdem Tische zu nehmen, den Meßwein mit wesentlichen Mehrauslagen in kleinem Quantum einzukaufen und in primitiven Kühlanlagen vor dem sofortigen Verderben zu schützen, weil ihm kein entsprechender Aufbewahrungsort zur Verfügung steht.
Wir protestieren ferner gegen die Schmach, daß wir vor dem längst exkommunizierten Priester Diviš wie Bittsteller erscheinen müssen, um die durch den Herrn Pfarrvikar Pechtl vollzogenen Taufen und Trauungen in die auch staatlich anerkannten Pfarramtsmatrikel, deren Herausgabe Divis verweigert, eintragen zu lassen.
Wiederholt geloben wir Treue unserem heiligen katholischen Glauben und dem Apostolischen Stuhle; wiederholt stellen wir aber die flehentlichste Bitte, es mögen alle Schritte versucht werden, damit einer Pfarrgemeinde geholfen werde, welche gewiß den Beweis geliefert hat, daß sie sich ihrer Katholikenpflicht bewußt ist. Wir bitten das Erlöserherz, es möge dem Heiligen Vater ermöglicht werden, uns und unserem unglücklichen Volke Hilfe zu bringen. Wir geloben auch heute wieder den Dank in Form des Fürbittgebetes für die Anliegen des Heiligen Vaters und der heiligen katholischen Kirche darzubringen.
Wenzel Müller Gem. Vorsteher.
Wilhelm Waschenpelz
Ortsvorsteher
[Vorname unlesbar] [Krasniek] Eduard Waschenpelz
I. Gemeinderat

Die Grafschaft Schönburg erklärt sich in corpore mit Vorstehendem solidarisch.
Ebenso die Grafschaft [Lüffel]
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[Unterschriften unlesbar]
Empfohlene Zitierweise:
[Mitglieder der Pfarrei Böhmisch Röhren] an Pacelli, Eugenio vom 06. August 1920 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 2679, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/2679. Letzter Zugriff am: 18.01.2020.
Online seit 14.01.2013, letzte Änderung am 02.07.2012