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Dokument-Nr. 499
Thoma, Franz Joseph an Pacelli, Eugenio
Bischofsreut, 07. Januar 1921

An die Hochwürdigste Apostolische Nuntiatur in München!
Euere Excellenz
haben gnädigst geruht, dem allerehrfurchtsvollst Unterzeichneten zu versichern, die Zuschriften de scandalo boëmico nach Rom weiterleiten zu wollen.
Empfangen Eure Excellenz hierfür den allerehrerbietigsten Dank mit der Beteuerung, dass ich es nie wagen würde, Eurer Excellenz gnädigste Mühewaltung zu erbitten, wenn nicht tatsächlich die Gläubigen der Nachbarpfarrei Böhmisch-Röhren mich unablässig bestürmten, wie sie vermeinen, meinen nicht ganz nutzlosen Beistand in ihrer wahrhaft bitteren Not zu gewähren.
Soeben war wieder eine Vertretung der genannten Pfarrei bei mir mit der "Schreckenskunde", daß als neuer Pfarrherr ein Priester sich melde, der der bona existimatio apud probos et graves viros entbehrt; er – der Pfarrer vom Fürstenhut – sei bereits im Pfarrhause gewesen, habe sich aber die Kirche nicht angesehen, sondern nur um die Höhe des Einkommens
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sich erkundigt; gewiß sei die Regierung dahinter, daß ein Wirtling [sic] wenn nicht ein Wolf und Räuber der Herde als Hirte gegeben werde. Vom Konsistorium in Budweis sei ihnen so viel Trost gespendet worden, als jene drei Herren dort vorstellig wurden, jetzt seien sie wieder entsetzlich getäuscht, sie müßten verzagen, wenn Alles sich verschwöre, ihnen den Glauben abzustehlen [sic] u. s. w.
Ich wies die guten Leute darauf hin, daß ja die Besetzung noch nicht ausgesprochen sei, daß es schließlich doch am Platze sei, der Oberhirtlichen Stelle volles Vertrauen entgegenzubringen. Sie sollten doch abwarten; selbst wenn der bedauernswerte Fall einträte, den sie befürchten, so müsse man immer noch auf Gottes Hilfe vertrauen, der auch einen Saulus vor den Toren von Damaskus noch bekehrte.
Mit solchen und ähnlichen Worten suchte ich die Leute zu beruhigen; aber sie wollen nur mehr schwer sich verbescheiden; immer und immer wieder kommt die Bitte zum Ausdruck, ich möchte doch an Eure Excellenz schreiben, weil man befürchtet – und das wohl mit Recht –, daß bei den entsetzlichen Zuständen in Tschechien eine Eingabe an die hierarchischen Stellen in Prag ihre Adresse nicht erreicht. Und gerade die Weiterleitung der betreffenden Schriftstücke nach Rom wird demnach als größte Wohltat empfunden, wenn auch selbstverständlich die kanonischen Satzungen direkte Schritte Eurer Excellenz verbieten.
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Excellenz!
Diesem guten Volke hieße es die letzte Hoffnung nehmen, wollte ich ihm den einzigen sicheren Weg, auf dem es Gehör zu finden hofft, nicht gangbar machen. Verzeihen deshalb Eure Excellenz es Ihrem untertänigsten Diener, wenn er sich das Wort des göttlichen Meisters in diesen Zeitläuften vor Augen hält: "Misereor super turbam." Unter diesem Gesichtspunkte wage ich auch an Eure Excellenz neuerdings die inständigste Bitte zu stellen, dem wahrhaft bitterschwer heimgesuchten Volke Ihre schon so wohl bewährte Helferhand auch weiterhin gnädigst reichen zu wollen.
Zu meinem Schreiben N. 758 d. d. 3 ds. habe ich aufgrund besserer Information berichtigend zu ergänzen, daß die politische Spionage des Expfarrers Divis von Böhmisch-Röhren nicht von einem Mitgliede des Budweiser Konsistoriums offiziell ausgesprochen wurde. Immerhin aber scheint eine solche Tätigkeit als Faktum vorausgesetzt gewesen zu sein. Auch die Aufstellung, es sei ein Glück gewesen, daß die Pfarrei Böhmisch-Röhren nicht Gewalt gebraucht habe gegen Divis, scheint mehr der inneren Gedankenfolge der Leute entsprungen zu sein.
Bis jetzt war es mir noch nicht möglich, aus authentischer Quelle zu schöpfen. Nachdem ich bisher sicher informiert wurde, glaubte ich auch diesmal den Bericht als Tatsache
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aussprechen zu dürfen.
Geruhen deshalb Eure Excellenz, diese Richtigstellung gegebenenfalls bei der Weiterleitung an den Heiligen Stuhl in Berechnung zu ziehen.
Genehmigen Eure Excellenz, daß ich mich nenne
in Christo
Eurer Excellenz
allerehrfurchtsvollst und gehorsamst
ergebensten Sohn und Diener
F. J. Thoma, Pfarrer.
Empfohlene Zitierweise:
Thoma, Franz Joseph an Pacelli, Eugenio vom 07. Januar 1921 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 499, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/499. Letzter Zugriff am: 12.12.2019.
Online seit 14.05.2013, letzte Änderung am 25.06.2013