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Dokument-Nr. 511
Thoma, Franz Joseph an Bischöfliches Ordinariat Passau
Bischofsreuth, 14. August 1920

Unter dem 29. VII./4. VIII. a. c. erhielt der ehrfurchtvollst Unterzeichnete seitens des Hochwürdigsten Bischöflichen Ordinariates die Mitteilung, daß die Hochwürdigste Apostolische Nuntiatur in München die Bittvorstellung der Pfarrangehörigen von Böhmisch-Röhren zugleich mit dem Schreiben des Pfarramtes Bischofsreut unverzüglich an den Heiligen Stuhl weitergeleitet worden ist 1 hat.
Ich ließ diese Mitteilung sogleich unter den Pfarrangehörigen von Böhmisch-Röhren zirkulieren, um den Mut des wackeren Völkleins neu zu beleben. Die Vertreter der Pfarrangehörigen von Böhmisch-Röhren, welchen ich jene Mitteilung übergab, baten mich, Ihnen beiliegende Bittvorstellung zu formulieren, damit sie durch erneute Unterschriftensammlung bekunden könnten, wie es ihnen um [sic] Herz wäre. Ich bemerke ausdrücklich, dass die in der Bittvorstellung vorgebrachten Tatsachen fast verbotenus den Angaben der Böhmisch-Röhrenen-Pfarrangehörigen entsprechen.
Heute wurde mir diese Bittvorstellung mit 436 Unterschriften von Einzelpersonen und zwei "In Corpore"-Erklärungen einzelner Dorfschaften mit je ca. 200 Personen übergeben mit der ausdrücklichen Erklärung, man wolle die Sache dadurch beschleunigen.
Zur Sache selbst erlaube ich mir unmaßgeblich
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zu bemerken:
a) Vertschechungssystem betreffend:
Bereits am 16. Mai l. J. habe ich mir das Urteil erlaubt, der tschechische Klerus sei "oft nur der zu willfährige Apostel, nicht Jesu Christi, sondern des tschechischen Volksehrgeizes; er huldige noch in großer Mehrzahl dem heidnischen Staatsaxiom: 'Patria civium communis mater est', wobei 'communis' fast die Bedeutung von 'sola' erhält. Deshalb ist ihm auch die 'Los von Rom-Bewegung' so sympathisch – von jeher. Wie kann eine sanatio in radice erzielt werden? Vielleicht durch ein Analogon zum Collegium Germanicum? Nur in Roms Mutterpflege kann wohl der tschechische Klerus echt christlich denken und fühlen lernen."
Diese meine damals und auch noch insbesondere in einem Schreiben vom 21. Mai l. J. noch ausführlicher, auch bezüglich der Schulfrage, dargelegte Ansicht erhält also eine sehr deutliche und klare Bestätigung durch beiliegende Bittvorstellung.
b) "Los von Rom"-Bewegung betreffend:
Am 10. August l. J. berichtete ich an die Hochwürdigste Oberhirtliche Stelle von dem stillen Einvernehmen der tschechischen Regierung mit der "tschechoslowakischen" Kirche. In [Machov], [Jawaner], [Kostelin], Deutschbrod, [Caslen], Muslau seien katholische Gotteshäuser gewaltsam der "tschechoslowakischen Kirche" übergeben worden. Daß Expfarrer Diviš gleiche Gelüste hegt, ist bereits aus dem Schreiben vom 1. Januar a. c. ersichtlich.
Daß es so weit mit der Abfallsbewegung kommen konnte, dafür möchte ich unmaßgeblichst folgende Gründe als Ursachen ausfindig machen:
"Natura non facit saltus"; Gott bindet sich aber auch im Geschichtsleben seiner Kirche an die "Naturgesetze", wenn ich so sagen darf. Eine solche tiefst bedauerliche Abfallsbewegung muß damals bereits ihre natürlichen Voraussetzungen aufweisen:
a) Die Unklarheit der tschechischen Lebensauffassung: Jahrhundertlanger Druck in politicis et ecclesiasticis mag besonders den tschechischen Klerus praktisch auf das παντα ρει festgelegt haben.
b) Schlendrian in der Verwaltung: Bereits am 9. Dezember 1919 habe ich hingewiesen darauf, daß der amtliche Verkehr mit der Oberhirtlichen Stelle in den tschechischen Diözesen sozusagen als persönliche Gnadensache erscheint, daß keine straff durchgeführte Kontrolle für die Osterpflicht weder für Klerus noch für Volk besteht.
c) Ausgesprochenes Staatskirchentum: "Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht" – und als
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Vorbild solch braver Staatsbürger müßte natürlich der tschechische Klerus glänzen mit seinem Grundsatz: "semper et ubique pax est habenda cum populo".
Wenn ich die Sachlage, soweit es für den Fernestehenden möglich ist, richtig beurteile, so rechnet die freimaurische tschechische Staatsregierung mit dem Umstande, daß dem katholischen Volke der Mut zum (passiven) Widerstand fehle. Ich glaube nicht irre zu gehen, daß diese Staatsregierung baldigst sich geneigt zeigen wird, dem katholischen Standpunkte gehörig Rechnung zu tragen, sobald Bischöfe, Priester und Volk eine feste Phalanx bilden. Schon sickert so etwas von einem Geheimerlaß der Regierung an ihre unteren Stellen durch, worin diese angewiesen werden sollen, den Vorgängen genügende Aufmerksamkeit zu widmen: also ein Zeichen von aufsteigender Furcht. Man fürchtet, daß Peitsche und Handschelle ihre Wirkung eingebüßt; deshalb will der Wolf sich ins Schaffell kleiden. Möge doch Rom mutige Oberhirten und glaubensfeurige Priester in Tschechien finden, diese aber auch in einen Wirkungskreis stellen, wo sie als Licht in der Finsternis dienen!
Es zeichnet
Eurem Hochwürdigstem Bischöflichem Ordinariate
ehrerbietigst gehorsamster
F. J. Thoma, Sac.
13r, unterhalb der Datumszeile hds. von unbekannter Hand, vermutlich vom Empfänger, notiert: "pr. 16.VIII.20".
1Hds. gestrichen vom Verfasser.
Empfohlene Zitierweise:
Thoma, Franz Joseph an Bischöfliches Ordinariat Passau vom 14. August 1920 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 511, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/511. Letzter Zugriff am: 07.12.2019.
Online seit 14.01.2013, letzte Änderung am 01.10.2013