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Dokument-Nr. 8538
Thoma, Franz Joseph an Bischöfliches Ordinariat Passau
Bischofsreut, 01. Januar 1920

Heute war der Pfarrverweser von Böhmisch-Röhren hier zu Besuch: Ein Priester von 11 Priesterjahren, darunter als Feldgeistlicher während des ganzen Krieges auf den Schlachtfeldern des Orients, Serbiens, Türkei etc. tätig; er wiegt jedes Wort ab, scheint eine sehr tüchtige Kraft zu sein; nachdem ich ihm gegenüber von meiner Berichtstätigkeit absolut kein [sic] Hehl machte, ist um so mehr zu glauben was er erzählte:
1.) Der chechische [sic] <Staat>1 erklärte die Einwohnerschaft von Böhmisch-Röhren für die Sicherheit des Pfarrers Divis haftbar.
2.) Der Bischof Hulka von Budweis scheint sich gänzlich ausser Stand zu sehen, dem gegen ihn anstürmenden Übel zu begegnen. Anschuldigungen unflätigster Art werden von derartigen Priestern über ihren Oberhirten verbreitet in der Predigt und im Verkehre mit dem Volke.
3.) Die Pfarrei Neugebäu (oder Aussergefild?) hat bereits am 2. Tage den vom Bischof bestellten Pfarrprovisor unmöglich gemacht; die Leute halten in übergrosser Mehrzahl dort zum abtrünnigen Pfarrherrn.
4.) Die Anschuldigungen gegen den Oberhirten
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aus dem Munde solcher Priester ergehen sich in Verdächtigungen de sexto der betr. Pfarrer hat aber selbst quinque infantulos in domo sua. Was ich hörte, erinnerte mich lebhaft an die berüchtigte Broschüre, die ich der Oberhirtl. Stelle sub Nr. 436 übersandte.
5.) Wie Herr Pfarrprovisor von Böhmisch-Röhren hört, wollen "am Valentinitag" [sic] 400 derartige Priester dem Bischof Hulka resp. ihren anderen Bischöfen den Gehorsam kündigen und sich als "tschechische Staatskirche" konstituieren; die Nikolaikirche in Prag soll von der Regierung diesen Priestern ausgeliefert werden als eigene Kirche. Herr Pfarrprovisor fügte bei: "Relata refero".
6.) Die "deutschen" Priester pflegen bereits Unterhandlungen mit Erzbischof Piffl und durch ihn mit der Wiener Nuntiatur. Es steht aber zu befürchten, dass durch einen hochgestellten tschechischen Geistlichen, der zu einer Gesandtenstelle für Chechoslovakien [sic] ausersehen ist, alles hintertrieben wird.
7.) Es wurde in diesen Kreisen ernstlich erwogen, sich gegebenenfalls an Passau anzuschliessen, wenn es ihnen ermöglicht wird, dass sie ein eigenes Vikariat zugebilligt erhalten.
Soweit der Kern des Berichtes des Herrn Pfarrprovisors von Bömisch-Röhren.
Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die ganze Lage, dass dieser Herr seinen [sic] Gehalt als Cooperator von Wallern nicht mehr bezieht, als Pfarrprovisor aber auch keinen Pfennig erhält, dass der Pfarrer von Böhmisch-Röhren sich weigert, ihm die Pfarrsiegel, die Kerzen, die Opfermaterien auszuliefern etc.
Es darf also wohl nicht als Schwarzseherei gebrandmarkt werden wenn man ein Schisma befürchtet. Herr Pfarrprovisor sagte aber wiederholt mit Nachdruck: "Schuld hat auch unser Herr Bischof; er hat seit Jahren gewusst wie es steht; er hat aber nichts getan, dem Übel abzuhelfen; vielmehr war er einer der ärgsten, welche systematisch die Deutschen unter dem Klerus mundtot machte".
Einem Hochw. Bischöf1. Ordinariat gehorsamst ergebenster
Fr. Thoma, Pfarrer.
1Masch. eingefügt.
Empfohlene Zitierweise:
Thoma, Franz Joseph an Bischöfliches Ordinariat Passau vom 01. Januar 1920 , Anlage, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 8538, URL: www.pacelli-edition.de/Dokument/8538. Letzter Zugriff am: 09.12.2019.
Online seit 14.01.2013