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Revolution in Bayern III (7. April 1919 bis 1. Mai 1919) Münchener Räterepublik

Mit der Ausrufung der Bayerischen Räte-Republik ging die Revolution in Bayern in ihre dritte Phase über. Sie führte noch einmal zu einer Radikalisierung der politischen Gegensätze, führte zum offenen Bürgerkrieg und endete mit der Niederwerfung der Räte-Republik. Die dritte Phase gliedert sich noch einmal in zwei Abschnitte, die als "Dritte" und "Vierte Revolution" bezeichnet werden können.
Die "Dritte Revolution" blieb nur eine einwöchige Episode. Nachdem sich in der zweiten Phase der Revolution nach dem Tod Kurt Eisners weder die Anhänger des Parlamentarismus noch die der Räte-Herrschaft hatten durchsetzen können, einigten sich der Zentralrat der bayerischen Räte und der Revolutionäre Arbeiterrat (RAR) in der Nacht zum 7. April 1919 darauf, eine Räte-Republik auszurufen. Dazu wurden Volksbeauftragte bestellt, die sich vor allem aus Anhängern der USPD rekrutierten, unter denen aber auch zwei Bauernbündler waren. Gemäßigte Sozialisten sowie Kommunisten dagegen waren nicht vertreten.
Zu den Maßnahmen der Volksbeauftragten gehörten die Verbrüderung mit dem Bolschewismus in Russland und Ungarn, der Abbruch der Beziehungen zur Reichsregierung, die Erklärung des Anschlusses Bayerns an die Weltrevolution und die Übertragung des Schutzes Münchens auf das Proletariat. Daraufhin kam es überall in Bayern zur Ausrufung lokaler und regionaler Räte-Republiken, die jedoch in der Regel nur wenige Tage bestanden. Außer in München konnten sie sich nur in Augsburg und Rosenheim länger halten.
Die vom bayerischen Landtag bestätigte Regierung unter Johannes Hoffmann, aus der die USPD-Mitglieder am 12. April ausschieden, wich gleich am 7. April über Nürnberg nach Bamberg aus. Auch der Landtag selbst flüchtete aus München. Die Regierung Hoffmann beanspruchte weiterhin die Regierungsgewalt über ganz Bayern und wurde darin von der Reichsregierung und den Landesregierungen von Württemberg, Baden und Hessen anerkannt. Das Freikorps Epp sorgte für den Schutz der Bamberger Regierung.
Schon am 13. April folgte der "Dritten Revolution" eine "Vierte". An diesem Tag versuchte die Republikanische Schutzwehr, die der Regierung Hoffmann loyal geblieben war, vergeblich, die Räte-Republik zu beseitigen. Dieser sogenannte Palmsonntagsputsch ließ jedoch die Situation weiter eskalieren. Am 13. und 14. April kam es zu schweren Straßenkämpfen in München, in denen sich die Kommunisten schließlich durchsetzen konnten. Als Reaktion wurde eine Rote Armee aufgestellt.
Der Revolutionäre Zentralrat wurde durch die Münchener Arbeiter- und Soldatenräte abgesetzt und die legislative und exekutive Gewalt auf einen Aktionsausschuss und einen Vollzugsrat übertragen. Die Kompetenzen zwischen diesen beiden Gremien waren nicht scharf voneinander getrennt. Der Aktionsausschuss bestand aus bis zu 42 Mitgliedern, der Vollzugsrat war mit vier bzw. fünf Mitgliedern (Eugen Leviné, Max Levien, Emil Maenner, Willi Budich unter dem Pseudonym Dietrich und Wilhelm Duske) deutlich kleiner und damit handlungsfähiger.
Die Regierung Hoffmann war jetzt, da sich die Revolution in Bayern endgültig zu einem Bürgerkrieg entwickelt hatte, auf militärische Hilfe des Reichs und der Nachbarstaaten Bayerns angewiesen. Am 20. April konnte Augsburg eingenommen werden und es begann die Einkesselung Münchens durch preußische, bayerische und württembergische Truppen.
In dieser sich immer mehr zuspitzenden Situation kam es zum Zerwürfnis zwischen Bolschewisten und USPD-nahen Gruppen über die Frage, wie nun weiter zu verfahren sei. Schließlich wurde am 29. April die Diktatur der Roten Armee ausgerufen. Unter ihrer Herrschaft kam es zu Misshandlungen und Erschießungen bürgerlicher Geiseln.
Pacelli, der am 18. April eine Garantie der Unverletzlichkeit des Nuntius vom Volksbeauftragten des Auswärtigen Dietrich erhalten hatte, blieb nicht verschont. Am 29. April versuchten Revolutionäre, mit Waffengewalt seinen Dienstwagen zu beschlagnahmen. Pacelli erhielt sein Automobil – wahrscheinlich auf Anordnung Dietrichs – allerdings schon wenige Tage später zurück. Der Nuntius machte in der Folge von der päpstlichen Erlaubnis Gebrauch, München zu verlassen und ins schweizerische Rorschach überzusiedeln. In der Nuntiatur blieb der Auditor Lorenzo Schioppa mit Pater Linus Mörner OFMCap zurück. Der Nuntius kehrte erst am 8. August nach München zurück.
Am 1. Mai drangen Regierungstruppen in die bayerische Hauptstadt ein und lieferten sich schwere Straßenkämpfe mit den Anhängern der Räte-Republik. Freikorps und reguläre Truppen gingen dabei mit äußerster Härte gegen von ihnen als Aufständische identifizierte vor. Die Grausamkeiten ebbten erst in den ersten Maitagen ab. Insgesamt ist von mehr als 1.000 Toten auszugehen.
Der militärischen Zerschlagung der Räte-Republik folgte die juristische: 65 Personen wurden zu Zuchthaus verurteilt, 1.737 zu Gefängnis, 407 zu Festungshaft. Hinzu kamen zahlreiche Hinrichtungen, darunter die Levinés.
Mit der Räte-Republik gingen auch die bayerischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte unter. Die Regierung Hoffmann und mit ihr der Parlamentarismus hatten sich durchgesetzt. Noch in Bamberg verabschiedete der Landtag am 14. August eine neue Verfassung. Landtag und Regierung kehrten schließlich am 15. und 17. August wieder nach München zurück.
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Empfohlene Zitierweise
Revolution in Bayern III (7. April 1919 bis 1. Mai 1919) Münchener Räterepublik, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 13015, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/13015. Letzter Zugriff am: 20.09.2019.
Online seit 04.06.2012, letzte Änderung am 26.06.2019
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