Document no. 14925
Kessler, Josef Alois to Pacelli, Eugenio
Berlin, 21 March 1924

Ew. Exzellenz,
Hochwürdigster Herr Nunzius [sic]
Auf das geschätzte Schreiben, da Ew. Exzellenz im Auftrag des hl. Apostolischen Stuhles am 12 März d. J, unter N. 29988 an mich richteten, habe ich die Ehre folgendes zu antworten:
1. Es war stets mein Herzenswunsch und ist es auch heute noch in meine Diözese zurückzukehren, um dort am Heil der mir anvertrauten Seelen zu wirken, wenn nur dort ein modus vivendi et operandi ermöglicht wird. Ich drückte dies auch schon in meinem Schreiben vom 2 August vorigen Jahres an den hl. Stuhl aus. Ich bitte daher den hl. Stuhl ehrfurchtsvoll, die notwendigen Schritte in dieser Hinsicht tun zu wollen.
2. Herr Prälat Walsh, der Vorstand der Päpstlichen Hilfsexpedition in Moskau, liess mir schon im vorigen September sagen (durch den Herrn Rektor des Klosters zu Marienfelde), er werde mir die Einreiseerlaubnis vom russischen Auswärtigen Amt erwirken und zuschicken. Indessen ich erhilt [sic] nichts. Mittlerweile ist aber Herr Prof. Walsh von Moskau abgereist. Da der Hochw. Herr im Auftrage des hl. Stuhles, wie ich vermutete, gehandelt hat, die russische Botschaft in Berlin aber selber keine Einreise, ohne das Auswärtige Amt in Moskau für jeden Fall zuvor gefragt zu haben, erteilt, habe ich in dieser Angelegenheit auch keine Schritte unternommen.
3. Nur sehr schwer konnte ich mich entschliessen bei dem hl. Stuhl um eine Unterstützung anzuklopfen. Ich tat es nur unter dem Druck der Not.
4. Ich hätte meine Wohnung zu Marienfelde nicht aufgegeben, wenn die Kinder meines erschossenen Bruders, runde Waisen, von Bolschewiken ausgeraubt und auf die Strasse geworfen, sich nicht zu mir nach Berlin geflüchtet hätten. Ich berührte dieses schon in meinem Schreiben vom 2. August vorigen Jahres. Die älteste Nichte zählt 25 Jahre. Gleichzeitig mit dem Vater, meinem Bruder, hat man ihr nach 5 monatlicher Verehelichung den Mann erschossen. Ich sah die Kinder in ihrem Elend zu Frankfurt im Flüchtlingslager. Ich musste als nächster Verwandter ihnen helfen. Meine Ersparnisse, grösstenteils aus Geschenken von ehemaligen Pfarrkindern und Freunden, die ich in Amerika getroffen habe, bestehend, beliefen sich auf Tausend Dollars. Für 830 Dollars kaufte ich ein Haus in Berlin, auf dem eine Hypothek von 214.500 Mark = 25.500 Goldmark lastet, weil ich anders bei der herrschenden Wohnungsnot kein Obdach für die Nichten finden konnte. Ich stand mit den Kindern im Winter auf der Strasse! Ich handelte so auf den Rat eines klugen und berühmten Paters S. J. (Heinrich Pesch), der zu Marienfelde mein Beichtvater gewesen ist. Er selber bewog (den Herrn Rektor) ohne mein Wissen den Herrn Rektor des Klosters zu Marienfelde mir sein Haus zu so
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niedrigem Preis zu verkaufen. Meine und der Nichten Wohnung besteht nur aus zwei Zimmern, so dass ich des Nachts bei Herrn Pfarrer von St. Michael schlafen muss. Ich konnte die Nichten nicht allein lassen, da sie noch jung sind und der Überwachung bedürfen. Wohnte ich im Kloster, was mir ja auch liebe wäre, meine Ausgaben wären nicht geringer. Eine monatliche Probe bewies dies. Eine Nichte verdient ihren Unterhalt in einem Büro, zwei besuchen die Schule bei den Ursulininnen, während die Witwe unsern bescheidenen Haushalt führt. Billiger und bescheidener lässt sich mein Leben kaum gestalten. Wenn jemand Seiner Eminenz die gegenteilige Ansicht beigebracht hat, der hat sich entweder schwer getäuscht oder er kannte den Sachverhalt nicht.
5. Mein Haus ist vermietet. Die Häuser vermietete bisher in den Städten Deutschlands das Wohnungsamt, nicht die Besitzer der Häuser. Das Wohnungsamt bestimmt die Höhe des Mietzinses und vergibt die Wohnungen. Bei dem geringen Mietzins rentieren sich die Häuser der Städte nicht. Das ist eine allbekannte Tatsache. Darum sind die Häuser so fabelhaft billig. Vor zwei Monaten bot der Nachbar der Wohnung der Priester von St. Michael dem Herrn Pfarrer sein Haus zu Kauf feil für nur 8000 Goldmark! Es lastet auf ihm eine Hypothek zu 30.000 Mark, heute 1500 Goldmark. Dieses Haus ist in unserer Nähe und nur etwas geringer als das meinige. Wenn ich daher jetzt mein Haus verkaufe, werde ich nicht einmal diese Summe dafür erhalten, da auf ihm eine Hypothek von 25.500 Goldmark lastet. Ich werde aber dennoch verkaufen um einige Zeit leben zu können und in Russland mich wieder ein wenig einzurichten. Auch werde ich davon die Kosten meiner Heimreise bestreiten müssen.
6. Mit meinem Vermögen in Russland habe ich auch meine Bibliothek verloren. Vielleicht hat man sie gar vernichtet. Ich bitte daher den hl. Stuhl gleichzeitig mir die Erlaubnis zu erwirken, ca 200 Bände theologischer Werke einführen zu dürfen, da die russische Regierung die Einfuhr religiöser und theologischer werke grundsätzlich verbietet. Desgleichen bitte ich, meinen silbernen Hirtenstab mitnehmen zu dürfen.
7. Da in Saratow, wo die Bischöfe von Tiraspol residierten, alle kirchlichen Gebäude bis auf die Kathedrale allein konfisziert sind, möchte ich schon lieber nach Odessa gehen, weil hier die Geistlichen noch in den Pfarrwohnungen wohnen, wenn auch gegen schwere Abgaben. Auch wäre hier eher die Möglichkeit geboten das Priesterseminar wieder zu eröffnen als in Saratow.
8. Ausser mir sind in Deutschland, Österreich und Amerika noch 8 meiner Priester, die benfalls [sic] in die Diözese zurückkehren sollten, um dem grossen Priestermangel abzuhelfen. Ich würde den hl. Stuhl bitten, auch ihnen die Rückkehr zu ermöglichen.
Indem ich Ew. Exzellen [sic] höflichst bitte, obige Erklärungen und Bitten gütigst übermitteln zu wollen, habe ich die Ehre in vorzüglicher Hochschätzung und Ehrerbietung zu verharren
Eurer Exzellenz ganz ergebener
+ Joseph Kessler
Bischof von Tiraspol
95r, oben mittig unterhalb des Datums hds. von unbekannter Hand notiert, vermutlich vom Empfänger: "25.000".
Recommended quotation
Kessler, Josef Alois to Pacelli, Eugenio from 21 March 1924, attachment, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', document no. 14925, URL: www.pacelli-edition.de/en/Document/14925. Last access: 29-02-2024.
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