Der erste Tag der Katholikenversammlung. Der Gruß von Rom, in: Germania, Nr. 189, S. 4, 23 August 1926
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S.RR.SS., AA.EE.SS., Germania, 1925-1932, pos. 559, fasc. 76, fol. 77r.
Der Gruß von Rom. Nuntius Pacelli steht am Rednerpult. Ein weihevoller
Augenblick! Tausend und aber Tausend Blicke richten sich auf die verehrungswürdige Gestalt
des päpstlichen Vertreters, den die Katholiken Deutschlands schon lange als den Ihren
betrachten und bewundern. Die Beifallssalve, die ihm entgegenschallt, gilt zunächst dem
Stellvertreter Christi in Rom. Dann aber auch dem hochwürdigsten Nuntius selbst, der als
ständiger Gast der Deutschen Katholikentage unsere Herzen erobert hat. Er handhabt das
schwere Instrument der deutschen Sprache meisterhaft. Kaum, daß ein fremder Akzent den
kunstvollen Aufbau seiner Rede, die Schönheit seiner bilderreichen Ausdrucksweise stört. Die
gütigen, mahnenden Worte unseres Bischofs und die anfeuernde Ansprache des Vertreters des
Hl. Vaters vereinigen sich zu einem harmonischen Zusammenklang von unerhörter Wucht, und in
diesem Augenblick empfindet man besonders das Glück katholisch zu sein. Hier die Worte die
Nuntius Pacelli zu einer in stille Andacht versunkenen vieltausendköpfigen Menge
sprach: Eminenz, hochansehnliche Festversammlung! Wenn ich der freundlichen Einladung zu der
diesjährigen Heerschau der deutschen Katholiken mit besonderer Freude Folge geleistet habe,
so liegt der Grund dafür nicht zuletzt in der Wahl des Ortes Ihrer glänzenden Tagung.
Schlesien, der Boden, auf dem zwei große Kulturen sich berühren und ihre Berührung wechsel-
und schicksalsvolle Geschichte geformt haben. - Das schlesische Volk, das eine der edelsten
Frauengestalten der Kirche, eine der zartesten Blüten des deutschen Heimatbodens zu den
Seinigen zählte: St. Hedwig, die glaubensstarke und barmherzige Mutter der Armen und
Notleidenden. Das schlesische Volk von heute, das nicht nur die sterblichen Überreste seiner
Schutzfrau, sondern auch ihren Geist als teuerstes Erbe der Vergangenheit hütet, das
Glaubenstreue, Güte und Freigebigkeit als besondere Merkmale seines Volkstums bewahrt hat.
Breslau, die alte, auf eine fast tausendjährige Geschichte zurückblickende Bischofsstadt an
der Oder, der östliche Brennpunkt der Germania catholica mit seinen herrlichen, Herz und
Gemüt erhebenden Heiligtümern – das alles mußte mir die Fahrt nach Schlesiens Hauptstadt und
die Teilnahme an ihrer festlichen Tagung zu einem erwünschten und frohen Ereignis machen.
Und noch ein anderer Gedanke sprach bei mir entscheidend mit: der Wunsch, dem allverehrten
der Breslauer Diözese, Seiner Eminenz dem Hochwürdigsten Herrn Kardinal Fürstbischof
Bertram, dessen Vatersorge und nimmer ruhender Arbeitseifer das weite Gebiet von den
Abhängen der Beskiden bis an die Gestade der Ostsee umspannt, meine tiefe Verehrung und
dankbare Hochschätzung zu bekunden in dem Augenblick, wo die deutschen Katholiken im
Schatten der Breslauer Domtürme ihre diesjährige Tagung beginnen, wo dieser riesige Raum der
Jahrhundertfeier zur Arena wird, auf der das katholische Deutschland seine Scharen sammelt
und ordnet für die gewaltigen Aufgaben und Kämpfe, zu denen die neue Zeit die Anhänger
Christi ruft. Zweck und Ziel dieser Generalversammlung ist, im Geiste Christi zur
hellleuchtenden, alle Herzen durchglühenden Flamme zu entzünden. Seit Jahrhunderten hat man
mit allen Kräften dahin gearbeitet, das private und öffentliche Leben, das Wirken der
Menschen im gesellschaftlichen und staatlichen Organismus, immer mehr von Gott und Christus
loszulösen. In steigendem Maße ist es der Herrschaft christentumsfremden und
religionsfeindlicher Theorien und Strömungen verfallen. Wir alle leiden unter der wachsenden
Auswirkung dieser unglücklichen Entwicklung, die in der Sphäre des staatlichen Lebens den
Grundsatz zur Geltung gebracht hat, daß Macht vor Recht geht, die in den wirtschaftlichen
Beziehungen den Eigennutz und das Klasseninteresse zur letzten Norm erhoben hat und die
christliche Liebe zu überwuchern und zu ersticken droht, die die Urzelle aller
Volkswohlfahrt, die Ehe und Familie, in ihrer gottgewollten Heiligkeit und Reine antastet,
die die Werkstatt für Bildung und Erziehung der Jugend, die Schule, in den Dienst einer
einer rein diesseitigen, vom übernatürlichen und ewigen Ziel des Menschen abgewandten
Weltanschauung stellen will. Unter den zersetzenden Wirkungen dieser Entwicklung verkümmert
der seelische Mensch, Glück und Friede der Völker schwinden dahin, die gesellschaftliche und
staatliche Ordnung fühlt die Grundfesten wanken, auf denen frühere Zeiten sie mühselig
aufgebaut haben. Aus dieser Welt der Gärung und Unruhe erwacht mit Naturgewalt bei allen
Guten eines: die Sehsucht nach christlichen Gedanken, nach übernatürlichen Kräften für die
gesamten Lebensgebiete der Politik, der Wirtschaft, der Kultur. Die Verwirklichung des
Gedankens vom Königtum Jesu Christi bedeutet die Erfüllung dieser Sehnsüchte, die wie ein
Adventswehen durch die Herzen aller Gutgesinnten ziehen. Christus ist der Herr der Welt:
einmal Kraft seines Wesens, das durch die wunderbare Verbindung des Gottseins mit der
Menschennatur in der göttlichen Person, die das Urbild aller Schöpfung ist, alle
ungeschaffene und geschaffene Vollkommenheit in sich vereinigt und so den Gottmenschen zum
geborenen König der Welt macht; dann auch kraft seines Erlösungswerkes, durch das er sich
die Menschen zu Kindern seines Gottesreiches erkauft hat. Königtum bedeutet Macht; und zwar
viel mehr als äußere Macht geistige Macht, Macht über die Menschenherzen. Sie ist es, die
Christus allgemein und unbedingt beansprucht. Die Ideen, die die Menschheit bewegen, sollen
ein ??????? des Denkens und Wollens Christi sein; die ganze √√√√√ …... Sie soll zur Geltung
kommen im Herzen des Einzelnen. Das Königtum Christi kann sich in der Gemeinschaft nicht
auswirken, wenn nicht zuerst der Einzelne in sich selbst Christi Ebenbild zu gestalten
sucht. Christi Macht soll die Familie beherrschen: dadurch, daß diese sich auf das Sakrament
der Ehe gründet; dadurch, daß sie ein Heiligtum wird , in dem das ganze Leben den Geist der
Familie in Nazareth atmet. Christi geistige Macht muß auch die Gesellschaft zu neuem Leben
erwecken. Der Geist Christi allein kann die harten Gegensätze und tiefen Abstände zwischen
den Gesellschaftsklassen ausgleichen. An die Stelle der gewissenlosen Ausnutzung der
Konjunktur muß die vom Geiste der Gerechtigkeit und übernatürlichen Nächstenliebe getragene
Rücksicht auf den wirtschaftlich ärmeren und schwächeren Volksgenossen treten, die
erbarmende Liebe mit dem in der Not versinkenden Mitbruder. Die geistige Herrschaft Christi
muß wieder unser Staatsleben beseelen. Christus, der Herr der Welt , leitet die Menschen
durch verschiedene Gewalten ihren Zielen zu: ihrem höchsten und ewigen durch die von ihm
gegründete übernatürliche und geistige Theokratie, seine Kirche; ihrem diesseitigen durch
die weltliche Obrigkeit. Christi Stelle ist es, die die staatliche Autorität vertreten soll.
In ihm ruhen ihre unerschütterlichen Fundamente, aus ihm ergibt sich ihr Sinn und ihre hohe
Verantwortung: dem gemeinsamen Wohle zu dienen, dem Wohle der Brüder und Schwestern Christi.
Das geistige Königtum Christi soll endlich die Beziehungen der Völker und Staaten
untereinander beherrschen. Nicht Nationalhass, die Irrlehre der modernen Zeit, darf ihnen
das Siegel aufdrücken, sondern das Bewusstsein, daß wir alle aus der Hand desselben
Schöpfers hervorgegangen und durch die Gnade Kinder Gottes und Brüder Jesu Christi geworden
sind. Recht und Freiheit, Ordnung und Ruhe, Eintracht und Friede, das sind die wunderbaren
Segnungen des Königtums Christi. Friedensfürst wird er heißen, und in seinen Tagen wird
Gerechtigkeit und Überfülle des Friedens uns zuteil werden. Dies prophetische Wort vom
Messiaskönig wird seine ganze Erfüllung freilich erst im Jenseits finden. Aber wie haben die
heilige Pflicht, dahin zu arbeiten, dass schon hienieden an die Stelle des Geistes der
Gottverneinung und Sittenlosigkeit, der Friedlosigkeit und des Hasses die Herrschaft Christi
trete. Mögen alle Ihre Beratungen unter dem heiligen Imperium dieser Idee stehen. Möge der
Geist Gottes, der Geist der Liebe ist, Ihre Herzen durchglühen und in Ihnen den
Königsgedanken Christi zum innersten Erlebnis werden lassen, damit Sie in dem Lichte dieser
Erkenntnis und erfüllt von dem Gottesfeuer, das sich an ihr entzündet von hier zurückkehren
als Herolde und Apostel des Königtums Christi, um es hinzutragen zu denen, die, sei es aus
Schwäche, sei es aus Unwissenheit, ihm bisher den Eingang in ihre Herzen verwehrt haben. Daß
diesem Apostolat die befruchtende Gnade von oben beschieden sei, dafür erteile ich Ihnen im
Namen unseres gemeinsamen Vaters, des glorreich regierenden Papstes Pius XI., von Herzen den
Apostolischen Segen. Kniend empfing die Versammlung den päpstlichen Segen. Mit Begeisterung
stimmte die Versammlung danach einem Telegramm an den Hl. Vater zu, dem der
Katholikentag das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue und kindlichen Gehorsams zu Füßen legt und
ehrerbietigst um den apostolischen Segen bittet. Lebhaften Beifall fand auch der Vorschlag
eines Telegramms an den Erzbischof von Mexiko: „ Der Katholikentag hat mit
Schmerz und Entrüstung von den schweren Verfolgungen Kenntnis genommen,
unter denen die Kirche Mexikos gegenwärtig leidet. In schmerzlicher Erinnerung an die
Bedrückungen, die wir deutsche Katholiken selbst vor einem halben Jahrhundert erleiden
mußten, verfolgen wir mit aufrichtiger Teilnahme das Schicksal unserer Glaubensbrüder . Wir
flehen zu Gott, er möge die Leidenszeit der Katholiken Mexikos abkürzen und bald dem Recht
den Sieg über die Gewalt verleihen. Möge dem edlen mexikanische Volk bald ein vollkommener
Friede zwischen Staat und Kirche beschieden sein.“ Einstimmige Zustimmung fand auch ein
Telegramm an den Reichspräsidenten Hindenburg, das ihn begrüßt mit
dem Gelöbnis der Treue der deutschen Katholiken zum Reich und mit der Versicherung, weiter
mitzuarbeiten an dem Wiederaufbau des Vaterlandes. Dann begannen die eigentlichen
Verhandlungen des Katholikentages. Als erster Redner sprach Pfarrer Dr. Knebel über das
Thema: Christus der König und Mittelpunkt aller Herzen. Da steht Christus auf dem Platze vor
dem Gerichtshause. Pilatus stellt ihn dem Volke vor: „ Sehet , euren König!“ Christus ist
König. Er selbst bezeugt es: ” Ich bin ein König; ich bin dazu geboren und in die Welt
gekommen.“ Aber Sein Reich ist nicht von dieser Welt und dieser Zeit – Er ist König der
Ewigkeiten. Sie haben Ihn zum Königsthron geführt, zum Kreuz; Christus hat das Kreuz
bestiegen und ist zum König ausgerufen. Und vom gekreuzigten König beauftragt, ziehen seine
Legaten hinaus, und wohin sie kommen, weht das Königsbanner, Christi Kreuz auf Burgen und
Bergen und Türmen. Und der heutigen Zeit wird durch Pius XI. Christus feierlich als König
der Welt proklamiert und durch die Enzyklika vom 11. Dezember 1925 das Königsfest
eingeführt, das alljährlich am letzten Sonntag im Oktober auf der ganzen Welt feierlich
begangen werden soll. Christus ist König und herrscht als König. Er hat sich die
Gesetzgebung, das Richteramt und die Exekution (Strafvollzug) vorbehalten. Er baut die
Reichsverfassung seines Vaters als Gesetzgeber des „Neuen Bundes“ aus und spricht mit
königlicher Autorität: „Ich aber sage euch...“ und verlangt, „dass ihr meinen Willen tut,
wie ich den Willen meines Vaters tue.“ Er schickt Seine Boten aus, Seinen Willen zu
verkünden und zu erklären und verlangt volle Anerkennung unter Androhung des Ausschlusses
aus Seinem Reiche. Als Richter wendet er sich in 1. Instanz ganz persönlich an die einzelne
Seele durch das Gewissen. Zur 2. Instanz verweist Er an Seine Kirche; Papst und Bischöfe
entscheiden öffentlich und im Bußgerichte. Als höchste Instanz Zeile fehlt Reichsgericht auf
Seinem Throne niederlässt. Da gelten keine Milderungsgründe und kein Ansehen der Person – da
gilt einzig und allein, ob man ihm gedient oder nicht. Christus als König muß erst in der
einzelnen Menschenseele ganz herrschen dürfen, soll seine Weltherrschaft erreicht werden.
Christus, Mittelpunkt aller Herzen. Er ist der Weg. Wahrheit und Leben für jedes
Menschenherz. Welche Kraft ging von seiner Persönlichkeit aus, damals in Palästina! „ Sie
verließen alles.“ „Das Geheimnis des Königs“, wodurch Er die Herzen anzieht und festhält,
ist das wunderbare Sakrament. Es ist die kleine, weiße Hostie, der magnetische Mittelpunkt
für Hunderttausende, die Opfer an Geld und Zeit und Kraft und Liebe bringen, um den König im
Sakrament zu ehren, zu bewachen, zu feiern und anzubeten. Ein König ist Christus auch im
Fordern. Er ladet alle ein in Sein „Himmelreich“. Von dem, der kommt, verlangt er
rückhaltlosen Anschluß. Wer in Sein königlich Gefolge eintreten will, muß sich selbst
verleugnen und sein Kreuz auf sich nehmen. Die Reichsverfassung Seines Vaters hat Christus
übernommen und verlangt vollkommene Erfüllung. Und der übermenschlich groß in Seinen
Forderungen ist, der ist göttlich groß im Schenken und Gewähren. Christus ehrt und behandelt
königlich jedes Menschenherz. Er gewährt der Seele Audienz Tag und Nacht. An Christi Tafel
ist sie täglich Gast. Er spendet ihr das tägliche Brot, fördert Gesundheit und Lebenskraft
durch Gnaden aller Art. Ja, er zaudert nicht, dich als Sein eigen Kind aufzunehmen und zum
Erben Seines Reiches zu machen. Lasset uns oft mit dem großen Minister des Gotteskönigs,
Bischof Keppler, beten „um die Wiederherstellung und Ausbreitung des Königtums Christi auf
Erden: „O König der Herrlichkeit, Christus, bring uns den Frieden!“ Die Darlegungen des
Pfarrers Knebel wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Als der Präsident das Wort zu
der zweiten Hauptrede erteilen wollte , war es bereits 7.15 Uhr geworden. Da die
Kirchenfürsten und viele andere Teilnehmer noch weitere, meist schon für 8 Uhr angesetzten
Veranstaltungen besuchen wollten, war der jetzt eintretende große Aufbruch natürlich und
kein Zeichen der Interesselosigkeit gegenüber der Rednerin. Es trat eine kurze Pause ein,
nach der vor einer beschränkten, aber sehr interessierten Zuhörerzahl die Fürstin
Starhemberg (Linz) das Thema Christus und die Familie in feingeistigem Vortrage behandelte:
Unter Hinweis auf den verewigten Papst Pius X., welcher seinem Pontifikate das Programm der
Erneuerung der Welt und der Menschheit in Christo
vorangestellt hat, und auf die Bestrebungen des gegenwärtigen Heiligen Vaters Papst Pius XI., dieses Programm nun in die Tat umzusetzen, wird in dem Referat darauf hingewiesen, dass
die gesamte katholische Welt und jedes einzelne Glied derselben dazu berufen ist, an der
Verwirklichung dieses Programms mitzuarbeiten. Niemand hat mehr Grund, die großen Segnungen
des Christentums zu preisen, als die Frau, die Familienmutter, welche erst durch das
Christentum zu ihrer heutigen bedeutungsvollen Stellung gelangt ist. Seit den Anfängen des
Christentums bildete die Familie den Grundpfeiler der Gesellschaftsordnung, und war das
christliche Sittengesetz maßgebend für das Familienleben. Schon in früheren Zeiten ist gegen
die Heiligkeit des Familienlebens, gegen den Begriff der christlichen Familie angekämpft
worden. Der ewige Gegensatz zwischen gut und böse, zwischen den Jüngern der göttlichen
Heilslehre und ihren Gegnern ist niemals auszugleichen. Die katholische Kirche und die
christliche Familie hat allen Anstürmen und Kämpfen Widerstand geleistet. Sie ist uns auch
heute Führerin im Kampf und Streit um die höchsten Güter der Menschheit. Noch nie war der
Kampf gegen Kirche und Familie heftiger als heute. In diesem Kampf vereinigen sich die
Feinde der Kirche mit dem Geist der heutigen Zeit und so manchen Erscheinungen, die für das
heutige Geschlecht und für die Gegenwart maßgebend sind. Gewiß ist es kein blinder Zufall,
wenn gerade in diesem Jahrhundert, das die Entscheidung für die christliche Kultur bringen
soll, die Frauen in die Arena des öffentlichen Lebens gerufen werden. Sie mögen sich ihrer
großen Verantwortung bewußt sein und mit offenen Augen die Zeiterscheinungen betrachten! Es
wird in dem Referat weiter hingewiesen auf die Zeiterscheinungen, die uns auf Schritt und
Tritt begegnen, auf die Verrohung und Verwilderung der Sitten, auf die Zunahme der
Verbrechen, auf den Verfall des Familienlebens, auf die ungeheure Unsittlichkeit im
öffentlichen und privaten Leben und auf den Umstand, daß diese Unsittlichkeit auch von
katholischen Kreisen heute schon geduldet wird. Das Referat bespricht weiter die Auswüchse
in der Mode, beim Tanz, beim Sport und Turnen, bei Vergnügungen aller Art, auf den
erschreckenden Niedergang in Kunst und Literatur, auf die beklagenswerte Richtung der
heutigen Tageszeitungen, auf die ins krankhafte gesteigerte Vergnügungs- und Genusssucht der
Gegenwart. Weiter wird hingewiesen auf die Schäden im Familienleben, den Mangel an
Verantwortlichkeits- und Pflichtgefühl der Eltern, den Mangel an Autoritätsempfinden und
Ehrfurcht seitens der Kinder. Es wird in der Folge gesprochen von den Bestrebungen gegen die
Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe, von dem großen Unglück, welches durch die heute
üblichen Zivilehen, Dispensehen und durch die Duldung unsittlicher Verhältnisse in den
Familien und in der ganze Gesellschaft herbeigeführt wird. Die Bestrebungen gegen den
Mutterschaftszwang und die Beschränkung der Kinderzahl, der Kampf gegen die heue geltende
Strafgesetzordnung sind ein bedenkliches Zeichen der Zeit. Das Kind wird nicht mehr als ein
Geschenk Gottes, sondern als eine Last empfunden. Die marxistische Lehre verwirrt die
Begriffe und rüttelt an den Grundpfeilern der Familie und der Gesellschaft. Überall sehen
wir die marxistischen Bestrebungen, durch Vorkehrungen des Staates, das Familienleben zu
zerstören und zu ersetzen. Das Reich Christi wird in der Familie, in der Schule und im
Herzen des Kindes systematisch zerstört. Es ist eine Schmach für die Frauen , daß all diese
Bestrebungen gerade zu einer Zeit möglich sind, da die Frauenbewegung ungeahnte Entwicklung
genommen hat. Zum Schluß wird die Frauenwelt Deutschlands aufgefordert, in dem heutigen
Zeitpunkt, da die Welt nach Führung und Führern ruft , diese Führung selbst in die Hand zu
nehmen und alles daran zu setzen, um eine grundlegende Besserung der Verhältnisse
herbeizuführen. Möge der Katholikentag zu Breslau ein Tag der Umkehr sein für die
katholische Frauenwelt! Es möge endlich mit der ganz undeutschen und unkatholischen Schwäche
und Duldsamkeit aufgeräumt werden, die katholischen Frauen Deutschlands und Österreichs
mögen es sich zur Ehrenpflicht machen, die ganze Macht ihrer Überzeugungstreue und ihres
Pflichtbewußtseins in die Waagschale zu werfen, um die christliche Familie vor dem Untergang
zu retten und das Reich Christi wieder aufzurichten im Leben der Staaten und Völker! Die
Rednerin schloß mit der Aufforderung, Gott, dem Herrn, im Namen aller katholischen Frauen
den unerschütterlichen Vorsatz zu Füßen zu legen, für die Verwirklichung des herrlichen …..
Recommended quotation
Anlage from 23 August 1926, attachment, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', document no. 361, URL: www.pacelli-edition.de/en/Document/361. Last access: 03-04-2025.Online since 30-10-2012, last modification 24-10-2013.