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Russisch-orthodoxe Kirche

Von Konstantinopel ausgehend begann die Christianisierung Russlands im 10. Jahrhundert. In Kiew wurde ein Erzbischofssitz eingerichtet, der dem Patriarchat in Konstantinopel unterstellt war. Seit 1326 residierte der Metropolit in Moskau, 1453 wurde sie selbständig. 1510 wurde die Idee von Moskau als dem "Dritten Rom" (neben Rom und Konstantinopel) formuliert. 1589 wurde der Metropolitansitz von Moskau zum Patriarchenthron erhoben.
Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts unterlag die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) völlig der Kontrolle der staatlichen Behörden und erlebte in den folgenden Jahrhunderten einen Niedergang. Nach den Napoleonischen Kriegen setzte sich eine national-orthodoxe Richtung durch, die weiterhin eine enge Verbindung von Kirche und Staat anstrebte. So wurde der russische Zar im Gesetzeskodex von 1832 als "Haupt der Kirche" bezeichnet. Die Revolution von 1905 zwang die russische Regierung zur Gewährung eines "Toleranzedikts", das der russisch-orthodoxen Kirche einen größeren Handlungsspielraum einräumte.
Nach der Februarrevolution 1917 und der Auflösung der Monarchie konnte in Moskau ein Landeskonzil zusammentreten, welches das Patriarchat von Moskau wiederherstellte und weitreichende innerkirchliche Reformen beschloss, die allerdings aufgrund der Bekämpfung der Religion durch den kommunistischen Staat nie verwirklicht werden konnten. Auf das Anathema des Kommunismus durch den Patriarchen am 19. Januar 1918 reagierte der Staat vier Tage darauf mit einem Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche, welches die Kirche ihres Immobilienbesitzes und fast aller Rechte beraubte. Es folgten Verfolgungen, Verhaftungen und Verbannungen, später auch Ermordungen von Bischöfen, Priestern, Mönchen und Nonnen sowie orthodoxer Laien. Daneben gab es Gruppen innerhalb der ROK, die für eine stärkere Kooperation mit dem Staat eintraten, etwa die "Lebendige Kirche". Diese und andere Reformer setzten auf dem "Konzil der Erneuerer" 1923 Patriarch Tichon (Bellavin) ab und übernahmen faktisch die Kirchenleitung. Am 29. Juli 1927 bekundete der Moskauer Metropolit Sergij (Stragorodskij) der Sowjetmacht gegenüber öffentlich seine Loyalität. Dennoch wurde die ROK nach dem Religionsdekret von 1929 zusammen mit anderen Religionsgemeinschaften fast vollständig ausgelöscht. Ein geregeltes kirchliches Leben war nur noch in der Emigration möglich.
Quellen
Die "Deklaration" des Metropoliten Sergij (29.7.1927), in: HAUPTMANN, Peter / STRICKER, Gerd (Hg.), Die Orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860-1980), Göttingen 1988, S. 726-730.
Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche. Dekret des Rats der Volkskommissare (23.1.1918), in: HAUPTMANN, Peter / STRICKER, Gerd (Hg.), Die Orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860-1980), Göttingen 1988, S. 648 f.
Über religiöse Vereinigungen. Beschluß des Allrussischen Zentralexekutivkomitees und des Rats der Volkskommissare (8.4.1929), in: HAUPTMANN, Peter / STRICKER, Gerd (Hg.), Die Orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860-1980), Göttingen 1988, S. 735-738.
Literatur
BREMER, Thomas, Die orthodoxe Kirche in Russland, in: WOLF, Hubert u. a. (Hg.), Ökumenische Kirchengeschichte, Bd. 3: Von der Französischen Revolution bis 1989, Darmstadt 2007, S. 386-401.
BREMER, Thomas, Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2007.
Februarrevolution Russland; Schlagwort Nr. 6032.
FEIGE, Gerhard, Rußland, IV. Gegenwart, in: Lexikon für Theologie und Kirche3 8 (1999), Sp. 1386-1388.
HEILER, Friedrich, Die Ostkirchen. Neubearbeitung von "Urkirche und Ostkirche". In Zusammenarbeit mit Hans Hartog aus dem Nachlass, hg. von Anne Marie HEILER, München 1971, S. 58-81.
Russisch-orthodoxe Kirche im Ausland; Schlagwort Nr. 1615.
SCHNABEL, Nikodemus C., Patriarchat von Moskau und ganz Russland, in: www.pro-oriente.at (Letzter Zugriff am: 04.11.2010).
SCHRÖDER, Gisela-A. (Hg.) u. a., Bolschewistische Herrschaft und Orthodoxe Kirche in Rußland - das Landeskonzil 1917/1918. Quellen und Analysen (Theologie: Forschung und Wissenschaft 4), Münster 2005.
Situation der Kirchen in der Sowjetunion; Schlagwort Nr. 27082.
Spaltungen der russisch-orthodoxen Kirche in der Sowjetunion; Schlagwort Nr. 1603.
STRICKER, Gerd, Rußland, I. Allgemeine Einführung, II. Kirchengeschichte bis 1917, III. Kirchengeschichte der Sowjetunion, in: Lexikon für Theologie und Kirche3 8 (1999), Sp. 1374-1380.
Empfohlene Zitierweise
Russisch-orthodoxe Kirche, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 18104, URL: www.pacelli-edition.de/Schlagwort/18104. Letzter Zugriff am: 10.07.2020.
Online seit 24.03.2010, letzte Änderung am 29.01.2018
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